Immer wieder ist in Gesprächen mit Sprachlernern oder bei der Ausschreibung von Sprachkursen oder Sprachprüfungen die Rede vom Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER) und seiner 6 Niveaustufen. In unserem heutigen Artikel erklären wir Ihnen, welche Aufgaben der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen hat, wie die Niveaustufen eingeteilt werden und was das für Ihr Lernen bedeutet. Natürlich, wie Sie es von uns gewohnt sind, mit Praxisbezug!

Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) – Die Aufgaben

Stellen Sie sich vor, Sie bewerben sich für eine neue Arbeitsstelle, bei der Englisch- und Französischkenntnisse gefordert sind. Sie gehen also zu Ihrem Vorstellungsgespräch, nachdem Ihr Bewerbungsschreiben und Ihr Lebenslauf schon einmal bei der Firma einen guten Eindruck hinterlassen hat, und werden dort gefragt: „Wie gut sind Ihre Englisch- und Französischkenntnisse?“ Was sagen Sie darauf?

„Ich spreche fließend Englisch und Französisch.“ ist eine Möglichkeit, eine zweite ist „Mein Englisch und Französisch ist fließend in Wort und Schrift.“, eine dritte ist „Mein Englisch und Französisch ist verhandlungssicher.“

Wie aber soll jetzt ein Arbeitgeber beurteilen, wie gut Sie die beiden Sprachen beherrschen? Bedeuten Ihre Antworten, dass Sie fließend in der Kantine Ihr Mittagessen bestellen können und mit der Dame an der Ausgabe in Englisch diskutieren können, ob der Salat mit Tomate oder ohne sein soll – also verhandlungssicher? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Sie Kundenanfragen souverän beantworten, Verträge verhandeln und schriftliche Dokumente, die zu Ihrem zukünftigen Arbeitsbereich gehören, verfassen können?

Genau hier setzt der GER an. Er bietet Ihnen und Ihrem Arbeitgeber nämlich eine objektive Einstufung Ihrer Kenntnisse in den einzelnen Sprachen – und nicht nur das: Sogar die einzelnen Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben, Hören und Sprechen werden erfasst.

Dadurch können Sie an internationalen Sprachprüfungen teilnehmen, sich Ihrem Sprachniveau passend richtig in Kurse oder Sprachprogramme einschreiben und auch, wenn nötig, mit internationalem Standard Ihre Kenntnisse definieren. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen ist, wie der Name schon sagt, europaweit gültig und jeder, der sich damit auskennt, kann Ihre Antworten „Ich spreche Englisch auf dem Niveau B2 des GER.“ oder „Ich schreibe französische Texte auf dem Niveau C1.“ einordnen und entsprechend bewerten.

Dadurch werden Sprachkenntnisse objektiv messbar, international vergleichbar und bieten die Möglichkeit, Wettbewerber aus unterschiedlichen Ländern miteinander zu vergleichen. Deutsch auf dem Niveau B2 zu sprechen bedeutet nämlich für einen Spanier genau dasselbe wie für einen Schweden oder Türken.

Nicht nur das: Durch diese objektive Bewertung können Sie auch Sprachprüfungen im In- und Ausland ablegen. So steht Ihnen zum Beispiel für das italienische Niveau B2 eine Auswahl von Sprachprüfungen offen: CELI, CILS, PLIDA – um nur einige davon zu nennen. Durch diese internationale Vergleichbarkeit ist es außerdem unerheblich, wo Sie die Prüfung ablegen. Sie können also auch einen Sprachaufenthalt in Italien buchen und im Zuge dessen die Prüfung an der Universität Perugia, Siena oder Rom ablegen, weil der Abschluss nicht mehr und nicht weniger zählt als an jeder anderen Universität.

Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) – Die Niveaustufen

Grundsätzlich besteht der GER aus drei Stufen. Diese sind:

A: Die elementare Sprachverwendung

Elementare Sprachverwendung bedeutet, dass Sie auf dem unteren Niveau dieser Stufe einfache Sätze, alltägliche Ausdrücke und grundlegende Informationen zu Personen verstehen und verwenden können. Auf dem oberen Niveau dieser Stufe können Sie sich schon in bekannten Situationen verständigen, einfache und Ihnen geläufige Informationen weitergeben und sich schon etwas näher beschreiben als auf dem unteren Niveau dieser Stufe.

Bezogen auf praktische Situationen können Sie also Grundinformationen über sich selbst liefern und auch entsprechende Informationen von anderen Menschen erfragen. Sie werden sich im Café Getränke und Speisen bestellen können, eine Hotelbuchung abwickeln oder eine Wegbeschreibung verstehen können. Sie können in Geschäften Lebensmittel oder andere Produkte einkaufen – kurzum: Sie können in den wichtigsten Alltagssituationen bestehen.

B: Die selbstständige Sprachverwendung

Selbstständige Sprachverwendung bedeutet, dass Sie auf dem unteren Niveau dieser Stufe schon die meisten Situationen auf Reisen bewältigen können. Dies umfasst auch vertraute Themen und persönliche Interessen, und hier kommen auch Erlebnisse der Vergangenheit und Zukunftsaussichten dazu. Auf dem oberen Niveau dieser Stufe werden die Kenntnisse schon fortgeschrittener. Sie können die Inhalte von komplexeren Texten verstehen, sogar wenn die Inhalte abstrakter werden. Sollten Sie ein Spezialgebiet haben, auf dem Sie sich gut auskennen, werden Sie auch in der Fremdsprache in der Lage sein, mitdiskutieren zu können. Sie werden hier auch Vor- und Nachteile diskutieren oder auch längere Begründungen geben können.

Wie sieht das in der Praxis aus? Sie werden in einem Geschäft nicht nur Lebensmittel einkaufen können, sondern Sie können sich auch bei der Weinauswahl beraten lassen. Wenn Sie lieber eine Beratung beim Kauf einer Sportausrüstung benötigen – das ist auf dieser Stufe kein Problem mehr für Sie! Auch längere Wegbeschreibungen sind nun möglich, ebenso Diskussionen, ob Sie lieber das Auto oder die U-Bahn nehmen wollen, um ins Stadtzentrum zu kommen. Nicht anders sieht es in beruflichem Kontext aus: Angenommen, Sie sind Computerspezialist. Auf der Stufe der selbstständigen Sprachverwendung können Sie Ihre berufliche Orientierung verstärkt in Ihre Unterhaltungen oder geschriebenen Texte einbringen. Sie werden Fachliteratur lesen können – gehen Sie also ruhig in einen Zeitschriftenladen und kaufen Sie eine Computerzeitschrift! Auch Diskussionen über die Vor- und Nachteile von beispielsweise bestimmten Computerprogrammen brauchen Sie nicht mehr aus dem Weg zu gehen. Dass Sie hier auch über andere persönliche Interessen wie Sportarten, Theater, Kino oder Literatur recht problemlos sprechen können, versteht sich von selbst. Auf jeden Fall ist auf diesem Niveau eine Unterhaltung mit Muttersprachlern Ihrer Fremdsprache möglich – und Sie werden sehen, dass Ihnen diese Unterhaltung viel Spaß machen wird.

C: Die kompetente Sprachverwendung

Jetzt kommt die Königsklasse der Sprachbeherrschung. Auf dem unteren Niveau dieser Stufe werden Sie auch anspruchsvolle und längere Texte verstehen und spontan und fließend sprechen können. Sie werden feststellen, dass Sie kaum mehr nach Worten suchen müssen und dass Sie sehr flexibel in der Sprachverwendung sind. Auf dem oberen Niveau dieser Stufe sind Sie dem Sprachniveau eines Muttersprachlers schon sehr nahe. Sie können fast alles, was Sie hören oder lesen, mühelos verstehen und drücken sich sehr genau und differenziert aus.

In der Praxis heißt das, dass Sie sich in der Fremdsprache fast so bewegen wie in Ihrer Muttersprache. Sie lesen „normale“ Bücher und merken noch nicht einmal, dass sie in einer anderen Sprache geschrieben sind. Sie reagieren spontan auf Fragen oder Aussagen Ihrer fremdsprachigen Freunde oder Geschäftspartner und können genau das ausdrücken, was Sie auch in Ihrer Muttersprache sagen würden. Auf dieser Stufe gibt es so gut wie keine sprachliche Einschränkung mehr.

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Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen – Die einzelnen Stufen – Genaue Bezeichnungen und Bezug auf die einzelnen Fertigkeiten

Diese drei oben genannten Stufen werden nochmals unterteilt. Ich hatte in jedem Bereich vom unteren und vom oberen Niveau innerhalb der Stufe gesprochen. Diese Niveaus gliedern sich also in A1 und A2, B1 und B2, C1 und C2 auf.

Übertragen auf die einzelnen Fertigkeiten bedeutet das, dass es für jede Fertigkeit diese Einteilung gibt. Wir haben also die drei Teilbereiche „Verstehen“, „Sprechen“ und „Schreiben“. Der Bereich „Verstehen“ teilt sich auf die Bereiche „Hören“ und „Lesen“ auf, der Bereich „Sprechen“ auf die Bereiche „An Gesprächen teilnehmen“ und „Zusammenhängendes Sprechen“. Der Bereich „Schreiben“ wird nicht weiter unterteilt.

Was genau die Stufen A1 bis C2 in diesen Teilbereichen bedeuten, können Sie der beigefügten Aufstellung entnehmen. (Quelle: © Council of Europe / Conseil de l’Europe)

„Ich bin in Englisch auf B2-Niveau“ – warum diese Aussage nicht immer stimmt

Zur Einstufung Ihrer Sprachkenntnisse gibt es also mit dem GER zwei Möglichkeiten: Die allgemeine Einstufung und die spezifische Einstufung.

Die allgemeine Einstufung ist sozusagen ein Durchschnittswert, um Sie in einen passenden Sprachkurs einzustufen, Sie für eine passende Prüfung anzumelden oder Sie ganz allgemein auf eine sprachliche Stufe zu stellen. Das ist dann wichtig, wenn eine detaillierte Einstufung nicht möglich ist oder schlichtweg nicht benötigt wird. Sprachtests gibt es nun einmal nur auf den 6 verschiedenen Niveaus. Personalchefs möchten keine dreiseitige Abhandlung über Ihre Sprachkenntnisse lesen müssen. Sprachkurse können keine Detaileinstufung nach den einzelnen Fertigkeiten vornehmen, sonst findet während des Semesters nur noch ein „Kurshüpfen“ statt – für das Lesen wären Sie im Kurs B2, für das Schreiben bei B1, für das Sprechen bei A2. Es versteht sich von selbst, dass das nicht möglich und auch nicht erwünscht ist.

Die spezifische Einstufung ist dann sinnvoll, wenn Sie sich selbst beurteilen oder wenn es darum geht, für sich selbst Angebote in bestimmten Bereichen zu finden. Für diese spezifische Einstufung betrachtet man also nicht die Sprachkenntnisse allgemein, sondern jede Fertigkeit für sich. So kann es durchaus sein, dass Sie beispielsweise im Englischen beim Lesen von Fachliteratur auf dem Niveau C1 sind, beim Sprechen aber bei A2 oder B1 stehen, weil Sie diese Fertigkeit nicht ausreichend gefördert haben (auch weil es bisher ja nicht nötig war). Jetzt wäre es aber eine Fehlentscheidung, sich für einen Konversationskurs auf dem Niveau C1 anzumelden, denn das Niveau wäre für Sie viel zu hoch. Umgekehrt wäre ein Lesezirkel auf dem Niveau A2 für Sie vermutlich viel zu elementar angesetzt.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass eine Einzelbeurteilung der Fertigkeiten dann Sinn macht, wenn es auch um die getrennten Einzelfertigkeiten geht. Wenn für Kurse, Arbeitsstellen oder Sprachtests umfassende Kenntnisse auf einem bestimmten Niveau verlangt werden, dann macht eine so detaillierte Aufstellung keinen Sinn. Dann ist es besser, sich an einem Mittelwert oder an der Fertigkeit zu orientieren, die den Hauptanteil der zu bewältigenden Aufgabe ausmacht.

Fazit

Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) ist eine sehr sinnvolle Einteilung für die objektive Erfassung von Sprachkenntnissen. So werden Sprachkenntnisse objektiv beurteilbar, können verglichen werden und werden international nach gleichen Standards anerkannt.

Wenn allerdings eine spezifischere Beurteilung nötig oder gewünscht ist, dann reicht die normale 6-Stufen-Einteilung nicht mehr aus. Dann sollte auf den Selbstbeurteilungsbogen zurückgegriffen werden. Dieser wurde vom Council of Europe/Conseil de l’Europe herausgegeben und betrachtet jede Fertigkeit für sich auf allen 6 Stufen. Damit ist eine sehr detaillierte Auswertung und Beurteilung möglich.

Bildnachweis: © Pexels.com/u/freestocks

About Christine Konstantinidis

Autorin, Sprachlehrerin und Coach. Christine unterstützt Menschen seit Jahren beim Sprachenlernen. Passion ist Passion! Genau diese Leidenschaft plus kreative Lerntechniken bringt Christine in die Lernberatung und in die Blogartikel ein!

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