120 Millionen Nutzer können nicht irren, würde man meinen. Duolingo nennt sich das „beliebteste Sprachlernangebot im Netz“ und es ist auch nicht schwer, sich vorzustellen, dass das so stimmt. Nicht nur, dass Duolingo kostenlos ist und eine Vielzahl von Sprachen im Lehrangebot hat, auch das liebevoll ausgearbeitete Design trägt sicher zum Erfolg der Software bei. Ob Duolingo aber auch didaktisch etwas taugt, wollte ich in einem ausführlichen Test herausfinden.

Was wird getestet

Um das Prinzip von Duolingo bewerten zu können, wollte ich eine Sprache unter die Lupe nehmen, die ich gut spreche – Französisch – und eine, in der ich keinerlei Vorkenntnisse habe – Irisch. Da es in der deutschsprachigen Version allerdings bisher nur drei Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Spanisch) zu lernen gibt, habe ich für Irisch die Version für englische Muttersprachler benutzt.

Umfang & Features: Für Englischsprachige unschlagbar

Duolingo lässt sich online im Browser oder auf allen Smartphone-Systemen ’spielen‘ – sogar auf dem Windows Phone, welches üblicherweise von Softwareentwicklern ignoriert wird. Die Features sind mobil und im Browser größtenteils die gleichen, mit der Ausnahme, dass man im Browser die Möglichkeit hat, seine gelernten Vokabeln anzuschauen und sich am Diskussionsforum zu beteiligen. Auf allen Plattformen ist aber das Herzstück – der Sprachkurs – das gleiche. Die Daten werden zudem synchronisiert, sodass man mobil fortsetzen kann, was man im Browser begonnen hat – und  andersrum.

Wie schon erwähnt, gibt es bei Duolingo für deutsche Muttersprachler zwar erst 3 Sprachen zu lernen, das Angebot für Englischsprachige ist aber schon jetzt sehr groß. Hier gibt es 20 Sprachen zur Auswahl, darunter exotische wie Walisisch, Hebräisch und Esperanto. Außerdem sind schon viele weitere Sprachen in der Pipeline und werden zur Zeit entwickelt. Wer genaueres hierzu erfahren möchte, kann sich im Inkubator (https://incubator.duolingo.com/) informieren (Darunter fällt zum Beispiel auch Klingonisch für Englischsprachige).

Didaktisches Konzept: Ziemlich durchwachsen

Die Lektionen orientieren sich an verschiedenen Themen und sind alle nach dem selben Schema aufgebaut. Jede Lektion enthält mehrere kurze Einheiten, die neue Vokabeln z.B. zum Thema Tiere, Transport, Plural oder Präpositionen beinhalten. Eine Einheit besteht aus verschiedenen Übungsformen wie Lückentexten, Übersetzungen, Aussprachetraining und Hörverstehen. Meist kann man die einzelnen Wörter eines vorgegebenen Satzes nachschlagen, was auch nötig ist, da es keine Lernphase vor der Testphase gibt. Man wird quasi ins kalte Wasser geworfen und lernt somit auch durch Fehler sowie durch Raten. Während man vor einiger Zeit bei Duolingo noch 3 „Leben“ pro Einheit hatte, die mit jedem Fehler weniger wurden und schließlich dazu führten, dass man die Lektion komplett wiederholen musste, gibt es jetzt ein anderes System. Mittlerweile muss man pro Einheit einfach eine bestimmte Anzahl von Übungen (etwa 20) meistern, um die Einheit abzuschließen, wobei die Anzahl an Fehlern keine Rolle spielt. Im Sinne des Spielspaßes und der didaktischen Idee sicherlich der richtige Ansatz. Trotzdem ist der Challenge-Gedanke  in den sogenannten „Lingots“ erhalten geblieben, die man für abgeschlossene Einheiten erhält. Lingots sind „Diamanten“, die als Ansporn dienen sollen und im Shop gegen Goodies wie neue Kleidung für das Spielmaskottchen getauscht werden können.

beispiele für übungen bei duolingo

Abwechslungsreiche Übungen, aber wenige Erklärungen

Die Übungen sind recht abwechslungsreich und nicht zu schwer gestaltet. Teilweise sind die Übungen eher etwas zu einfach und damit langweilig, wenn es um typische romanische Worte geht, die in fast jeder Sprache gleich sind, wie „hotel“. Negativ aufgefallen ist mir jedoch, dass es in der mobilen Version kaum Erklärungen zu grammatikalischen Eigenheiten gibt. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie der Nutzer verstehen soll, in welchen Fällen etwa im Französischen der Subjonctif verwendet wird, zumal die Beispiele dafür nicht ausreichen. In der Browser-Version gibt es hingegen vor solchen Grammatik-Einheiten detaillierte Erklärungen (leider bisher nur in der englischen Version) und auch innerhalb der Einheiten kann man sich Verbkonjugationen und Erläuterungen anzeigen lassen. In der mobilen Version ist diese Funktion nur extrem eingeschränkt vorhanden, was ein großes Manko ist. Die Frage, ob man durch „Erraten“ der sprachlichen Regeln oder durch Instruktion besser bzw. schneller lernt, wird in der Forschung nach wie vor kontrovers diskutiert. Mich persönlich stört es jedoch extrem, wenn ich keine Hilfestellung bekomme – gerade bei einer Sprache wie Irisch, die eine sehr ungewöhnliche Satzstellung hat, wie ich mittlerweile  durch die Übungen erfahren habe.

nachschlagefunktion bei duolingo

„Echte“ Inhalte – leider sinnbefreit

In einem TED-Talk mit Luis von Ahn, dem Kopf hinter Duolingo, hörte ich ihn sagen, dass Duolingo auch deshalb so interessant sei, da man dort mit „echten“ Inhalten arbeitet, nämlich Sätzen, die im Internet vorkommen und durch die Community übersetzt werden. In Wirklichkeit sind die Inhalte von Duolingo allerdings eher ein Schwachpunkt der Software, denn die Sätze sind völlig unzusammenhängend, bilden keine kohärente Geschichte innerhalb einer Einheit und sind teilweise so abstrus, dass man sich mit dem Übersetzen wirklich schwer tut. Beispiele wie „Der Fakt des Erschaffens macht verantwortlich“ oder „I eat before the crab“ sind keine Seltenheit.

beispiele für sinnlose sätze in duolingoErwähnenswert ist bei Duolingo noch die Wiederholfunktion, mit der man bereits bearbeitete Lektionen per Zufallsverfahren wiederholen kann. Leider ist die Funktion bitter nötig, da die während einer Lektion gelernten Vokabeln nur selten in späteren Lektionen wieder vorkommen. So hat es wenig Sinn, während einer 5 Minuten dauernden Einheit 10 neue Vokabeln zum Thema Farben zu lernen – denn der Nutzer hat diese spätestens zwei Tage später wieder vergessen, da sie kaum (nicht nie, zugegebenermaßen) wiederholt werden.

Benutzerfreundlichkeit: Durchdacht und mit Herz gestaltet

Das herausstechende Merkmal von Duolingo ist das wunderschöne Design. Manchen Nutzern mag es zu verspielt und kindlich daherkommen (mir gefällt es gut), unbestreitbar aber ist, dass es sehr detailliert und liebevoll gestaltet ist, im Gegensatz zu manch anderer Software. Bei einigen Sprachen gibt es mittlerweile statt Stock-Fotos nette Illustrationen, die allerdings nicht immer sinnvoll sind. Zum Beispiel gibt es viele verschiedene Avatare, denen die zu lernenden Sätze in den Mund gelegt werden, aber seltener Illustrationen von den Objekten, um die es sich im Satz handelt. Bei anderen Sprachen, wie Irisch, gibt es zudem mal mehr, mal weniger sinnvolle Stock-Fotos: In einem Fall sollte ich das richtige Bild zum Wort „Tier“ wählen und sah mich mit vier verschiedenen Tierbildern konfrontiert.

Vertonung: Vor- und Nachteile von Computerstimmen

Erwähnenswert ist, dass fast alle Wörter und Sätze auch vertont sind, zumindest im Französischen. Zwar spricht hier eine Computerstimme, aber immerhin hat diese ganze Wörter auf dem Kasten und nicht nur einzelne Silben, sodass die Stimme relativ natürlich klingt. Anders ist es bei Irisch. Hier scheinen alle Sätze komplett eingesprochen zu sein, was aber zum Nachteil hat, dass einzelne Wörter gar nicht vertont sind, was gerade bei einer Sprache mit solch undurchsichtiger Rechtschreibung sehr nachteilhaft ist. Hierfür gibt es leider Punktabzug.

beispiele für illustrationen in duolingo

Weite Teile der Software lassen sich bei Duolingo auch offline spielen. Lediglich die Sprachausgabe wird manchmal aus dem Netz nachgeladen und auch zur Synchronisation des Spielstandes braucht es natürlich eine Internetverbindung. Diese Synchronisation wird üblicherweise nach einer abgeschlossenen Einheit automatisch initiiert, was allerdings zum Nachteil hat, dass die Software mit ziemlicher Sicherheit abstürzt, wenn man z.B. gerade im Zug sitzt und eine sehr unzuverlässige Internetverbindung hat.

Von diesen Schwächen abgesehen gibt es viel Positives über Duolingo zu berichten. Die Bedienung ist einfach, die Lektionen sind super für zwischendurch geeignet, da sie sehr kurz und interessant sind. Das Sammeln von Punkten und Lingots sorgt für Motivation (Ich kenne sogar Menschen, die lieber Duolingo statt andere, mitunter bessere, Programme spielen, nur weil es hier Lingots gibt, mit denen man noch nicht mal viel anstellen kann) und man kann seinen Lernfortschritt mit denen von Freunden vergleichen.

duolingo punkte, lingots und shop
Bildnachweis: Titelbild © Valérie-Françoise Vogt / Screenshots © duolingo.com

Eines der besten Features von duolingo finde ich aber, dass die Software sehr großzügig bei der Bewertung ist. So werden einem kleine Rechtschreibfehler verziehen, und wenn man der Meinung ist, dass die eigene Lösung gültig sein sollte, obwohl sie vom Programm nicht akzeptiert wird, kann man den eigenen Lösungsvorschlag im Forum diskutieren lassen, sodass dieser möglicherweise in die Liste der gültigen Antworten aufgenommen wird. So entsteht kein Frust, wenn man den Eindruck hat, schlauer als der Computer zu sein.

Preis / Leistung: Duolingo ist unbesiegbar

Das Preis-/Leistungsverhältnis ist natürlich unschlagbar. Da Duolingo kostenlos ist, keine In-Apps-Käufe oder Pro-Versionen enthält und (zumindest für Englisch als Muttersprache) schon eine sehr große Zahl an Sprachen implementiert hat, gibt es kaum eine Software, die in diesem Punkt mithalten kann. Das Finanzierungsmodell von Duolingo basiert offenbar auf Spenden (z.B. von Google) und dem Konzept, dass fortgeschrittene Lerner nach und nach Teile des Internets übersetzen. Diese Übersetzungen kann duolingo daraufhin verkaufen. Der Nutzer zahlt mit seiner Zeit.

Zielgruppe: Nichts für soziale Lerner

Ich würde Duolingo für Sprachanfänger von A1 bis maximal B1 empfehlen. Darüber hinaus sind die Inhalte eigentlich zu einfach. Für komplette Neulinge eignet sich die (englische) Browser-Version eher, da es hier Erklärungen zur Grammatik gibt, die in der App fehlen. Wen das nicht frustriert, der kann sich auch hier an die App-Version wagen.

Sprachen lernen. Lass dich jetzt coachen.

Zwar versucht Duolingo, alle Sprachfertigkeiten wie Lesen, Hören, Schreiben und Sprechen zu trainieren, es muss allerdings erwähnt werden, dass Sprachübungen sich auf reines Wiederholen beschränken und Sprachproduktionsübungen insgesamt eher selten auftauchen. Duolingo ist somit eher für den literarischen Lerner gemacht, aber auch für den auditiven. Vor allem soziale und kommunikative Lerner kommen hier nicht so sehr auf ihre Kosten.

Fazit: Testen lohnt sich in jedem Fall

Da Duolingo kostenlos ist, kann es in keinem Fall schaden, sich das Programm zum Test zuzulegen, wenn man eine der drei Sprachen lernt, die für deutschsprachige Nutzer zur Verfügung stehen oder wenn man Englisch gut genug beherrscht, um eine andere Sprache lernen zu können. Duolingo macht Spaß, ist wie gemacht für eine schnelle Lektion zwischendurch und ist ziemlich abwechslungsreich. Für fortgeschrittene Lerner taugt die App allerdings maximal dazu, nicht völlig ‚rauszukommen‘, aber große Fortschritte wird man mit ihr nicht mehr machen. Dazu braucht es andere Methoden, die mehr Input liefern und vor allem mehr Output fordern.

Zwar ist Duolingo sehr schön gestaltet und es macht einfach Spaß, das Programm zu bedienen, aber aufgrund der didaktischen Mängel empfehlen wir für Anfänger eher Babbel (Testbericht), denn dort wird man mit System an die Sprache herangeführt. Wer allerdings nach exotischen Sprachen sucht, der wird bei Duolingo eher fündig.

Duolingo

Duolingo
8

Didaktik:

5.0/10

Benutzerfreundlichkeit:

9.0/10

Preis-Leistung

10.0/10

Vorteile

  • Gratis Sprachenlernen
  • Top Benutzeroberfläche
  • Diskussion eigener Lösungen

Nachteile

  • Wenig eigenes Sprechen
  • Unterschiedlicher Ausbau der Sprachen
  • Teilweise sinnfreie Illustrationen
  • Mitunter absurde Inhalte

About Valérie-Françoise Vogt

Als Interaction-Designerin, Kognitionswissenschaftlerin und selbst begeisterte Sprachen-Lernerin ist Valérie immer auf der Suche nach der perfekten Sprachlern-Software.

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