Wenn Sie erst 20 oder 30 Jahre alt sind, werden Sie sich diese Frage nicht stellen müssen. Mit zunehmendem Alter aber nimmt bei vielen Menschen einerseits der Wunsch zu, eine weitere Fremdsprache zu lernen, andererseits aber fragen sich diese Menschen, ob sie das in ihrem Alter überhaupt noch wagen sollen. Sie ahnen schon, um welche Frage es geht: Wann ist man zu alt zum Sprachenlernen?

Die Definition von „alt“

Ab welchem Alter lässt sich überhaupt der Begriff „alt“ anwenden? Das Alter ist ein sehr subjektiver Begriff, die Lebensjahre spielen hier keine so große Rolle. Sie haben sicherlich schon sehr „alte“ 30-Jährige gesehen, aber auch überaus jugendliche 80-Jährige. Außerdem kommt es bei der Definition von „alt“ sehr darauf an, wer diese Definition abgibt. Aus der Sicht eines 15-jährigen Jugendlichen mag der 40-Jährige alt sein, aus der Sicht des 70-jährigen erscheint dieser jedoch sehr jung.

Daher stellt sich vielmehr die Frage: Wird es mit zunehmendem Alter schwieriger, eine Fremdsprache zu lernen?

 

Die Fakten

Früher dachten Wissenschaftler, dass die Kindheit und die Entwicklung des Gehirns während dieser Zeit darüber bestimmt, wie das Gehirn im Verlauf des gesamten Lebens aufgebaut sein würde. Im Jahr 2000 allerdings wurde in einer Studie herausgefunden, dass auch die Gehirne von Erwachsenen durchaus in der Lage sind, sich zu verändern und neue Nervenverbindungen anzulegen. Durch diese Studie wurde also die sogenannte Neuroplastizität bewiesen – und diese Studie hatte zur Folge, dass zahlreiche weitere Studien zu diesem Thema durchgeführt wurden, die ebenfalls zu diesem Ergebnis gelangten. Für das Sprachenlernen bedeutet das, dass es im Alter (65 bis 80 Jahre) nur ganz geringe Unterschiede zu jüngeren Gehirnen gibt, was das Sprachenlernen betrifft.

Denkprozesse laufen bei älteren Lernern ein bisschen langsamer ab. Natürlich benötigen sie eine oder zwei Wiederholungen mehr als ein junger Mensch, aber das ist kein Vergleich zu den Vorteilen, die ältere Menschen beim Sprachenlernen haben.

 

Die Vorteile von älteren Menschen beim Sprachenlernen

Lernerfahrung

Sie wissen jetzt ja schon, dass ihr Gehirn fast genauso funktioniert wie das eines jungen Menschen. Also gilt der Satz „die Jugend lernt ja so viel leichter als ich“ nicht mehr. Viel wichtiger ist nämlich die Lernerfahrung – und diese haben Sie im Laufe Ihres Lebens gesammelt. Hier ist also das Alter definitiv ein Vorteil.

Motivation

Junge Menschen, vor allem wenn sie noch Schüler oder Studenten sind, lernen eine Sprache häufig nicht freiwillig. Sie sind fremdmotiviert, Englisch, Französisch, Spanisch oder Latein in der Schule oder während ihres Studiums lernen zu müssen. Daher ist es nur verständlich, dass bei diesen Menschen die Motivation leidet. Sie als erwachsener Lerner haben hier einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie lernen eigenmotiviert und entscheiden selbst, welche Sprache Sie interessiert.

Geduld und Disziplin

Ein älterer Lerner ist im Allgemeinen geduldiger, auch mit sich selbst, und verfügt über ein großes Maß an Selbstdisziplin. Durch diese Geduld, Disziplin und Motivation fällt es Ihnen leicht, sich an ein Lernprogramm zu halten und Ihr Ziel sicher zu erreichen.

Bessere Konzentration

Ältere Lerner können sich, bedingt durch ihre berufliche Erfahrung, meist besser und länger konzentrieren. Sie sind es gewohnt, auch langfristig an Projekten zu arbeiten. Damit haben jüngere Lerner oft Probleme.

Größere Wissensressourcen

Durch Ihre Lebenserfahrung haben Sie auch ein großes Vorwissen aus Ihrem Beruf und Ihrer Freizeit. Dadurch sind Sie in der Lage, neue Lerninhalte mit bereits bekannten Informationen zu verknüpfen. Das ist aber nicht der einzige Vorteil Ihrer größeren Wissensressourcen: Sie haben im Laufe Ihres Lebens auch schon sehr viele Dinge lernen müssen und haben dabei schon eine Vielzahl von Lernmethoden und Lerntechniken ausprobiert. Denken Sie dabei nicht nur an früher gelernte Sprachen, sondern auch an Ihr gesammeltes Wissen in anderen Themengebieten.

Bessere Fähigkeit zur Gliederung und Strukturierung

Dieser Punkt knüpft an den vorherigen an. Ältere Menschen besitzen die Fähigkeit, ihr Wissen, dass sie im Laufe ihres Lebens gesammelt haben, sinnvoll zu gliedern und zu strukturieren. Dadurch können neue Inhalte, in diesem Fall die neue Sprache, leichter einsortiert werden.

Anwendung der Sprache

Als junger Mensch haben Sie vielleicht in der Schule oder während des Studiums Französisch gelernt. Sind Ihre Eltern deswegen mit Ihnen nach Frankreich in Urlaub gefahren, nur damit Sie die Sprache anwenden konnten? Vermutlich nicht. Zumindest war es bei mir so: Ich habe Französisch und Englisch in der Schule gelernt, meinen Eltern aber ist es nicht im Traum eingefallen, nach Frankreich oder England in Urlaub zu fahren. Daher hielten sich meine Übungsmöglichkeiten natürlich sehr in Grenzen. Sie als älterer Lerner haben also einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie entscheiden selbst, wo Sie Ihre Ferien verbringen. Außerdem entscheiden Sie selbst, mit wem Sie lernen, welchen Sprachkurs Sie besuchen und mit welchem Medium Sie sich Freunde im Ausland suchen möchten. Eigeninitiative ist hier das Stichwort.

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Sprachenlernen im Alter – warum?

Sie sehen schon, zum Sprachenlernen ist man nie zu alt. Wenn wir Sie bisher aber noch nicht überzeugt haben, dann stellen Sie sich doch einmal die Frage, warum Sie überhaupt eine Sprache lernen möchten. Für uns im Vordergrund stehen die folgenden sechs Punkte:

Begeisterung

Es gibt zahllose Menschen, die Sprachen nur lernen, weil sie das Sprachenlernen toll finden. Wer weiß, vielleicht finden Sie so ja ein neues Hobby? Wie und warum Sie letztendlich zum Hobby „Sprachenlernen“ gekommen sind, ist letztendlich egal. Lassen Sie sich motivieren durch die neuen spanischen oder französischen Nachbarn, durch das Reisen durch Schottland oder durch Länder wie Brasilien oder Uruguay oder durch interessante Internetseiten, YouTube Kanäle, Facebook Seiten oder Blogs. Sobald in Ihnen der Wunsch geweckt wird, „ich möchte gerne diese oder jene Sprache lernen“, dann ergreifen Sie die Gelegenheit und fangen Sie an. Wir wünschen dann schon einmal viel Spaß bei Ihrem neuen Hobby.

Horizonterweiterung

Wenn Sie bisher berufstätig waren, hatten Sie vermutlich nicht viel Zeit, sich mit Themen außerhalb Ihres Berufs zu beschäftigen. Früher war es außerdem nicht unbedingt üblich, in der Schule schon Fremdsprachen zu lernen, sodass vor allem ältere Erwachsene hier über wenige bis gar keine Kenntnisse verfügen. Wenn Sie dann aus Ihrem Berufsleben ausscheiden, finden Sie sicherlich Zeit, sich einer Sprache zuzuwenden. Also spricht überhaupt nichts dagegen, in fortgeschrittenem Alter damit anzufangen.

Gedächtnistraining

Wer wünscht es sich nicht, bis ins hohe Alter geistig rege und fit zu bleiben? Es ist erwiesen, dass Sprachenlernen geistig fit hält und das Gedächtnis trainiert. Ein angenehmer Nebeneffekt für ältere Menschen ist, dass Sprachen kommunikationsfördernd sind. Für ältere Menschen ist das ein absolutes Plus.

Reisen

Schauen Sie sich heutzutage ältere Menschen an: Man hat das Gefühl, diese sind nur noch unterwegs und nur noch zwischendurch einmal schnell zu Hause. Reisen gewinnt nämlich dann wieder an Bedeutung, wenn die Wohnung oder das Haus bezahlt und die Kinder ausgezogen sind. Fremdsprachenkenntnisse können auf jeder Auslandsreise nur von Vorteil sein, denn so kommen Sie schneller in Kontakt mit der Bevölkerung, können sich verständigen und erleben die jeweiligen Länder mit ihren kulturellen Eigenarten und Besonderheiten.

Sinnvolle Nutzung der Freizeit

Auch dieser Punkt gewinnt an Bedeutung, wenn das Berufsleben oder die Familienorganisation unwichtiger werden. Sie haben plötzlich mehr freie Zeit zur Verfügung, da ja fremdbestimmte Handlungen wegfallen, und stehen vor der Herausforderung, diese neue Freizeit sinnvoll zu nutzen. Warum lernen Sie also nicht eine Fremdsprache? Wenn Sie auch noch in einen Sprachkurs gehen, knüpfen Sie auch zahlreiche neue Kontakte, die Sie durch das Ausscheiden aus dem Berufsleben vielleicht schon vermisst haben, und wer weiß? Vielleicht entstehen sogar neue Freundschaften.

Persönliche Gründe

Immer wieder erlebe ich es in meinen Sprachkursen, dass die Teilnehmer Italienisch oder Englisch lernen, weil ihre Töchter oder Söhne plötzlich italienische oder englische Lebenspartner haben. Vielleicht lieben Sie aber auch die französische Küche und möchten gerne die Originalrezepte von „Qui veut être le prochain pâtissier?“ nachkochen und nachbacken. Die Autorin Isabel Allende fanden Sie schon immer toll, aber die Übersetzungen der Bücher haben Ihnen noch nie gefallen? Sie sind ein absoluter Fan von amerikanischen Serien wie „CSI Miami“ oder „Blacklist“ und sehen sich diese Serien lieber im Original an? Ihr Traum ist es, eine Opernaufführung in der Mailänder Scala zu sehen? Sie sehen schon, dass die persönlichen Gründe, eine Sprache zu lernen, so vielfältig sind wie die Menschen selbst.

 

Was sollten Sie beim Lernen beachten?

Buchen Sie einen Sprachkurs

Ältere Lerner sind häufig nicht sehr von autodidaktischem Lernen angetan. Sie brauchen immer wieder die Bestätigung, die Rückmeldung und die Interaktion mit anderen Lernern, aber auch mit einem Lehrer. Daher meine Empfehlung: Gehen Sie in einen Sprachkurs oder zumindest regelmäßig zu einem Sprachenstammtisch.

Lernen Sie das Wichtigste zuerst

Viele Lerner richten sich streng nach der Buchvorgabe und übersehen dabei, dass das Buch für die Masse gemacht ist. Warum aber sollten Sie als Urlauber sich mit den Themen „Arbeit und Beruf“, „Arbeitslosigkeit“ oder „Berufsverkehr“ beschäftigen? Picken Sie sich vielmehr die für Sie relevanten Themen heraus und lernen Sie diese zuerst. Wenn Sie in Urlaub nach Italien oder Spanien fahren, sind die Themen „Café- und Restaurantbesuch“, „Hotel“ und „Wegbeschreibungen“ wichtiger als „Umweltschutz“ oder „Minderheiten im italienischen oder spanischen Hinterland“.

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Lassen Sie sich Zeit

Ältere Lerner brauchen eine oder zwei Wiederholungen mehr. Daher lernen Sie in Ihrem eigenen Tempo. Setzen Sie sich nicht unter Druck und lernen Sie lieber wenig in regelmäßigen Einheiten als viel nur einmal im Monat.

Nutzen Sie Sprechgelegenheiten

Da sich ältere Lerner oft schwertun mit der Aussprache und Intonation einer Sprache, ist meine Empfehlung: Nutzen Sie sämtliche Sprechgelegenheiten, die sich Ihnen bieten. Greifen Sie dabei zurück auf Lehrer, Muttersprachler, Sprachkurse mit Hördateien und das Internet.

Verknüpfen Sie Alt mit Neu

Über sehr viele Themen wissen Sie schon Bescheid, weil Sie schon über eine große Lebenserfahrung verfügen. Daher meine Empfehlung: Greifen Sie immer wieder auf diese Lebenserfahrungen zurück.

Vergleichen Sie sich nicht

Hören Sie auf, sich mit anderen Lernern zu vergleichen. Es wird immer Lerner geben, die eine Sprache besser können als Sie – aber es wird auch immer wieder welche geben, die die Sprache wesentlich schlechter können als Sie. Anstatt sich mit anderen zu vergleichen sollten Sie sich lieber die folgenden zwei Fragen stellen: Was kann ich heute, was ich gestern noch nicht konnte? Was kann ich heute lernen, damit ich morgen mehr kann als heute?

 

Sie werden sehen, dass es auch im Alter, egal ob das für Sie 55 Jahre oder 85 Jahre bedeutet, großen Spaß machen kann, eine Sprache zu lernen. Lassen Sie sich nicht ausbremsen von vermeintlichen Glaubenssätzen, sondern genießen Sie vielmehr Ihr neues Hobby – und wer weiß, vielleicht wird es ja zu einer richtigen Passion.

 

Bildnachweis: © Depositphotos.com/monkeybusiness

About Christine Konstantinidis

Autorin, Sprachlehrerin und Coach. Christine unterstützt Menschen seit Jahren beim Sprachenlernen. Passion ist Passion! Genau diese Leidenschaft plus kreative Lerntechniken bringt Christine in die Lernberatung und in die Blogartikel ein!

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