Eine Sprache zu lernen, stellt sich für viele anfangs als wahre Herausforderung dar. Bevor man nicht wenigstens einige hundert Wörter kennt und grundlegende Grammatik-Kenntnisse hat, kann man kaum Sätze bilden; die ersten Ausspracheversuche führen nicht zu einer Verständigung mit Muttersprachlern und das Hören und Verstehen artet in Raten aus. Aller Anfang ist schwierig und manchmal frustrierend.

Bei diesen Voraussetzungen mag es erstaunen, dass es Menschen gibt, die sich Sprachen sogar ohne die Hilfe eines Lehrers autodidaktisch beibringen. Das bekannte Selbststudium in Eigenregie. Wie soll man aber ohne Orientierung lernen? Wie soll man sich in dem Meer an Sprachlernmöglichkeiten und -angeboten zurechtfinden? Und wie kann man Ziele erreichen, wenn man keine Führung hat?

Nun, auf alle diese Fragen gibt es viele mögliche Antworten. Jeder Mensch lernt Sprachen unterschiedlich, je nach Lerntyp, Charakter und Lebensumständen. Ich will an dieser Stelle versuchen, beispielhaft aufzuzeigen, wie ich vor ein paar Jahren autodidaktisch mit dem Lernen der portugiesischen Sprache anfing.

Autodidaktisches Sprachenlernen – Warum ist es genau das Richtige für mich?

Kurz zu meinem Hintergrund: Ich studiere Informatik mit Schwerpunkt IT-Sicherheit an der Technischen Universität Darmstadt und war vor einigen Jahren für meine Bachelor-Arbeit in Madrid. Dort wollte ich unbedingt hin, um Spanisch richtig im Alltag zu lernen. Nach dieser Zeit begann ich mit dem Lernen für das Portugiesische in der brasilianischen Variante, da ich für meine Master-Arbeit nach São Paulo wollte. (Was ich getan habe und jetzt seit Juni wieder in Deutschland bin. Mehr über meine Zeit in Brasilien gibt es übrigens in meinem Blog dazu.)

Mein Ziel war es also, binnen gut 2 Jahren aufbauend auf meinen relativ nahen Spanisch-Kenntnissen mir genug Portugiesisch beizubringen, um ein Dreivierteljahr in Brasilien durchkommen zu können. Wo ich dann „richtig“ in die Sprache eintauchen wollte; denn ich wusste von Anfang an, dass ich nie wirklich Portugiesisch werde sprechen können, wenn ich nicht längere Zeit an einem Ort leben würde, wo es keine Fluchtmöglichkeit in andere Sprachen gibt. (Und Brasilianer können im Gegensatz zu Portugiesen in der Regel kein Englisch; das fand ich natürlich für mich prima…)

Besiege die Komplexität

Wenn ich mit einem größeren Projekt beginne, und autodidaktisches Sprachenlernen gehört zweifellos dazu, versuche ich mich zunächst zu organisieren und das Projekt stark zu zerlegen. Ähnlich, wie es Christian schon im Artikel „Der 11 Punkte Plan zum Sprachenlernen“ zeigte. Hintergedanke ist, dass es praktisch unmöglich ist, ein großes Ziel direkt zu erreichen, da es viel zu komplex ist. Wer sich schon mal das Ziel „Weltfrieden“ gesetzt hat, wird wissen, was ich meine.

Durch das immer feinere Aufspalten eines großen Ziels gelangt man zu immer kleineren Unter-Unter-Unterzielen, die man in überschaubarem Zeithorizont erreichen kann. Teile und herrsche (Divide et impera). Dies ist auch in der Informatik ein fundamental wichtiges Prinzip, um Komplexität beherrschbar zu machen: „Bei einem „teile und herrsche“-Ansatz wird das eigentliche Problem so lange rekursiv in kleinere und einfachere Teilprobleme zerlegt, bis man diese lösen („beherrschen“) kann. Anschließend wird aus diesen Teillösungen eine Lösung für das Gesamtproblem (re-)konstruiert.“ (Wikipedia-Artikel) Exakt das habe ich auch für mein Portugiesisch-Lernen gemacht.

Wie funktionierte das nun? Ich begann damit, zu überlegen, aus welchen „großen“ Teilgebieten eine Sprache besteht. Wenn ich alles, was ich über Sprachen weiß, in möglichst wenige Kategorien einsortieren müsste, welche wären das? Mein Ergebnis war folgendes:

  • Wortschatz
  • Grammatik
  • Aussprache
  • Hörverständnis
  • Kulturelle Aspekte

Damit hatte ich eine Liste für die Gebiete, die ich lernen musste. Dies bedeutete auch, dass ich Portugiesisch gemeistert haben werde, wenn ich jedes dieser einzelnen Gebiete gemeistert haben werde. Allerdings sind diese Gebiete weiterhin viel zu umfangreich. Also machte ich das gleiche nochmal für jedes Gebiet (das nennt man übrigens rekursives Vorgehen):

  • Wortschatz
    • Nomen
    • Verben
    • Adjektive
    • Adverbien
    • Präpositionen
    • Konjunktionen
  • Grammatik
    • Zeiten
    • Satzstellung
    • Zeichensetzung
  • Aussprache
    • Alphabet
    • Ziffern/Zahlen
    • Akzentregeln
    • Betonungsregeln
  • Hörverständnis
    • Regionale Besonderheiten / Akzente
    • Unterschiede europäisches und brasilianisches Portugiesisch
  • Kulturelle Aspekte
    • Wann begrüßt man sich wie? (auch körperlich!)
    • Wichtige Phrasen und wann man sie verwendet.
    • Geschichte der Sprache und ihre Entwicklung

Das ist schon viel besser. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, „Grammatik“ zu lernen, sondern zum Beispiel alles über die Zeichensetzung zu erfahren und zu verinnerlichen. Und das ist sogar schon ein Ziel, das man für viele Sprachen relativ schnell erreichen kann. Und damit wäre dieser eine Unterpunkt schon fertig.

Aber für andere Unterpunkte sind diese Gebiete noch immer viel zu umfangreich. Also ging ich wieder über die Liste und teilte die Punkte erneut auf. Zum Beispiel notierte ich mir unter „Grammatik“ -> „Zeiten“ alle Zeiten, die das Portugiesische hat. Natürlich konnte ich mit jeder Iteration immer weniger Punkte erweitern, da mir zu manchen Punkten irgendwann keine Unterpunkte mehr einfielen oder keinen Sinn mehr gemacht hätten. (Ich erstellte dies übrigens ursprünglich als Assoziogramm (auch MindMap genannt) auf Papier. Ich stelle es hier nur zu besseren Erklärung im Fließtext als Liste dar.)

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Und damit hatte ich zu Beginn eine schöne Übersicht mit kleineren Teilen. Ich konnte mir nun das Vorgehen überlegen, wie ich die einzelnen Teile optimal lernen könnte. Und das in dem Wissen, dass ich mein Ziel „Portugiesisch beherrschen“ erreicht habe werde, wenn ich alle kleinen Teile gelernt haben werde.

Wie soll ich welches Gebiet lernen?

Für den ersten Schritt brauchte ich damals nur ungefähr 30 Minuten. Danach schrieb ich die obersten Gebiete jeweils auf ein neues Blatt Papier und sammelte möglichst viele Lernmethoden, die ich für das jeweilige Gebiet für mich als geeignet hielt. Ein Beispiel für das erste Gebiet:

  • Wortschatz / Vokabeln
    • Karteikarten anlegen
    • Post-It-Notizzettel mit Wörtern an Dinge kleben
    • Texte (Lieder!) wortweise übersetzen
    • Vokabeltrainer (Software) verwenden (Tipp: Hier finden Sie eine Übersicht der besten Vokabeltrainer)
    • Wortlisten erstellen und täglich per Hand abschreiben, bis man alle Wörter auswendig kann
    • Vokabeln als Ton-Datei besorgen und ständig anhören und ggf. nachsprechen (<= das wäre auch schon Aussprachetraining)

Nachdem ich nun sehr viel Papier beschrieben hatte, war ich bereits zufrieden und hatte – nichts gelernt. Natürlich könnte man jetzt schon anfangen, sich Materialien zum Lernen eines Unterpunkts zu besorgen; aber mir war es wichtiger, diese erste Planung gründlich zu machen. Denn aus der Erfahrung heraus weiß ich, dass man beim ersten Überlegen über eine Sache noch nicht auf alle Optionen kommt. Und sich dann vielleicht mit einer Lernmethode verrennt, obwohl man einen Tag später auf eine viel bessere Lernmethode gekommen wäre. Daher hing ich mir diese vielen Blätter Papier auf und sah sie mir im Laufe einer Woche immer wieder an. Und erweiterte sie. Und erweiterte sie. Nach gut einer Woche fiel mir nichts neues mehr ein.

Jetzt war ich bereit zum Lernen, denn ich hatte einen genauen Überblick über einzelne, kleine, handhabbare Gebiete sowie einen großen Fundus an Lernmöglichkeiten gefunden.

Das Lernen beginnt

Doch Wissen ist die eine Sache, Handeln eine andere. Autodidaktisches Sprachenlernen braucht viel, viel Zeit. Wie man sich jetzt organisiert, ist sehr individuell und hängt natürlich auch von den aktuellen Lebensumständen ab. Über diese Thematik gibt es einen breiten Fundus an Artikeln in diesem Blog mit vielen Infos zum Weiterlesen.

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Eines möchte ich aber noch erwähnen: Diese Art der Organisation ist eine Hilfe, an die man sich halten kann, um nicht den Überblick oder das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Aber sie schreibt nicht vor, in welcher Reihenfolge oder Tiefe man einzelne Gebiete lernen sollte. Natürlich wäre es sinnlos, zu Beginn alles über „Zeichensetzung“ zu lernen, dann abzuhaken und mit dem nächsten Punkt weiterzumachen.

Ich habe diese Struktur immer vor mir gesehen und alle 2-3 Wochen einen neuen Schwerpunkt gesetzt. Ein Beispiel: „Die nächsten beiden Wochen konzentriere ich mich auf die Beherrschung der Aussprache von Zahlen, Datums- und Zeitangaben“. Danach habe ich dieses Gebiet erstmal beendet und auf meiner Karte hinter diesem Gebiet einen grünen, gelben oder roten Strich gemacht. Im Laufe der Zeit wuchsen die Striche auf der Karte, durch die ich auch schnell sah, in welchen Gebieten ich weiterhin Schwierigkeiten habe oder welche Gebiete ich mittlerweile so gut beherrsche, dass ich meine Zeit für anderes verwenden sollte.

Und so sprang ich über jetzt gut 3 Jahre über viele Gebiete und tauchte in viele Themen öfter ein, als ich eigentlich wollte. Doch ich habe es geschafft und pflege auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland viele Freundschaften und rede immer flüssiger und leichter. War doch ganz einfach! 🙂

About Andreas Marc Klingler

Tandem-Experte und langjähriger autodidaktischer Sprachenlerner Andreas versucht sich oft an neuen Ideen, um durch moderne IT neue Möglichkeiten für das Sprachenlernen zu schaffen.

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