LingQ ist eine Sprachlern-Plattform, die vor allem auf authentischen Input als entscheidendes Element setzt. Ohne das öde Pauken von Grammatikregeln soll der Nutzer dabei fließend sprechen lernen. Ob das funktioniert und was man dafür zahlen muss, will ich in einem ausführlichen Bericht erläutern.

Was wird getestet

Da sich die Browser- und die mobile Version von LingQ relativ stark unterscheiden, habe ich beide getestet. Dabei habe ich die Sprachen Französisch und Japanisch ausprobiert. Zum einen, da sich so die Unterschiede in der Benutzung für Sprachen völlig unterschiedlicher Sprachfamilien und Schriftsysteme zeigen,  und zum anderen, da ich in der einen Sprache fortgeschritten bin, in der anderen eher ein Anfänger.

LingQ ist übrigens ein Projekt des Sprachgenies Steve Kaufmann, dem wir bereits einen kompletten Artikel gewidmet haben. Ja, wer mehr als 10 Sprachen spricht, über den berichten wir gerne und vor allem hören wir genau zu, welche Tipps er für uns hat.

Umfang & Features: Viele Funktionen, viele Sprachen

LingQ ist für 15 Sprachen verfügbar: Englisch, Französisch, Deutsch, Japanisch, Russisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Koreanisch, Chinesisch, Schwedisch, Niederländisch, Griechisch, Polnisch und Esperanto.

Das Hauptfeature von LingQ ist eine große Sammlung von Texten und Audiofiles, die man zum Erlernen neuer Vokabeln und zum Training der Lesegeschwindigkeit und natürlich des auditiven Verständnisses nutzen kann. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Funktionen, die allerdings nur auf der Website verfügbar sind und nicht auf dem Smartphone. Dazu gehört ein Forum zum Austausch mit anderen Lernenden und Muttersprachlern und die Möglichkeit kostenpflichtiges Tutoring in Anspruch zu nehmen, einen Avatar, den man mit neuen Outfits versorgen kann, die Möglichkeit, eigene Lektionen zu erstellen oder zu importieren, und Statistiken zum Worterwerb.

Didaktik: Keine Grammatik, dafür viel viel Input

In jeder Sprache gibt es eine große Auswahl von Lektionen, die nach Schwierigkeitsgraden sortiert sind. Eine Lektion besteht immer aus einem Text unterschiedlicher Länge und meist aus einem dazugehörigen Audiofile, das von einem Muttersprachler eingesprochen wurde. In diesem Text sind zunächst alle Worte, die man noch nicht kennt (bzw. die man noch nicht als bekannt markiert hat), blau markiert. Klickt man ein Wort an, kann man es zu seiner Vokabelliste hinzufügen und eine von verschiedenen Übersetzungen wählen oder seine eigene Übersetzung hinzufügen. Dadurch wird das Wort zu einem ‚LingQ‘ und wird ab jetzt in jedem weiteren Text gelb markiert. Die Idee hierbei ist, dass man Worte, die man lernen will, in vielen Texten wiederfindet und somit ‚Verbindungen‘ zwischen Wort und Bedeutung schaffen kann.

Gehe – gehst – geht: Drei Wörter oder eins?

So weit so sinnvoll das Konzept. Was dabei allerdings sehr frustrierend ist, ist dass ein und dasselbe Wort in verschiedenen Flexionen als unterschiedliche Wörter gehandhabt werden. Habe ich also in einer Lektion das Wort ‚Hund‘ als LinQ markiert, wird das Wort ‚Hunde‘ in der nächsten Lektion nicht etwa gelb markiert und dem Wort ‚Hund‘ zugeordnet, sondern als völlig neues Wort behandelt, das ich noch nicht kenne. Das sinnvolle Konzept, Worte in Texten wiederzufinden, wird damit völlig unterwandert. Dieser Bug in meinen Augen ist vermutlich ein Feature aus Sicht der Macher: Da keine Grammatik gelehrt werden soll, muss jedes gebeugte Wort mit seiner gebeugten Bedeutung gelernt werden. Die entsprechenden Regeln muss der Lerner sich dabei statistisch selbst herleiten.

Historisch gesehen gibt es unter Sprachlernforschern schon lange die Debatte, ob das Lernen von Grammatik sinnvoll ist oder ob viel Input alleine reicht, um eine Sprache zu lernen. Insofern kann man wohl sagen, dass das Konzept von LinQ zumindest einer kleinen Nische der Sprachlernforschung entspricht. Besonders motivierend ist diese Herangehensweise jedenfalls nicht, wenn jedes neue Wort gleich zig Mal in der Vokabelliste steht.

Lese-Tipp! Extensive Reading nennt sich u.a. eine Lernmethode, die komplett auf den maximalen Input setzt. Unsere Empfehlung dazu: Viel Lesen bringt den Spracherfolg?!

Apropos Vokabellisten: Auch bei LingQ gibt es natürlich die Möglichkeit, die markierten Vokabeln (aka LingQs) mit verschiedenen Tests zu üben. Dazu gehören Lückentexte, Karteikarten-Abfragen, Hörverständnis und Multiple-Choice-Fragen.

Mit zum Lernkonzept gehört außerdem ein sehr sinnvolles Feature: Nämlich die Möglichkeit, die Audiofiles der gelernten Lektionen als mp3-Files herunterzuladen. Da die Texte von Muttersprachlern gesprochen sind, sind sie auch größtenteils sehr angenehm anzuhören. Einige haben sogar eine außergewöhnlich gute Qualität, so gibt es zum Beispiel für Französisch das komplette Hörspiel vom ‚kleinen Prinz‘ als Lektion zum Runterladen.

Trennbare Präfixe? Japanische Suffixe? Gibt’s nicht.

Das größte Problem, das sich aus der Mechanik von LingQ ergibt, ist, dass es unmöglich ist, zusammenhängende Worte zu lernen. Das betrifft im Deutschen zum Beispiel die Klasse der trennbaren Präfixe. In dem Satz „Er macht das Fenster auf“ werden ‚macht‘ und ‚auf‘ wie immer als unabhängige Worte behandelt. Dass sie zusammen aber das Wort ‚aufmachen‘ ergeben, wird man von LingQ nie erfahren. Viel schlimmer allerdings wirkt sich dieser Fehler im Japanischen aus. Im Japanischen gibt es normalerweise keine Leerzeichen zwischen Worten und die Worterkennung bei LingQ scheint automatisch abzulaufen, was zu großen Verwirrungen führt. So werden hier Wortendungen, die eine rein grammatikalische Funktion haben (wie z.B. die Zeitform anzuzeigen), als eigenständige Worte betrachtet, wenn es zufällig auch ein japanisches Wort mit gleicher Buchstabenfolge gibt. Die Wort-Übersetzungen, die dabei herauskommen, sind zu etwa 30% komplett falsch, was es gerade für Anfänger unglaublich mühsam macht, einen Text zu verstehen. Im Französischen ist das Problem weniger ausgeprägt, aber es wird immerhin verhindert, dass man jemals nützliche Ausdrücke wie „ainsi que“ oder „de même“ lernt. [UPDATE] Zu Recht hat mich Fabian vom LingQ Team darauf hingewiesen, dass es möglich ist, in LingQ mehrere Wörter zu markieren und sich für diese Kombination eine Übersetzung anzeigen zu lassen oder selbst eine zu erstellen. Wenn auch diese vorgegebenen Übersetzungen selten akkurat sind, ist das Feature trotzdem eine große Hilfe für das dargestellte Problem.

Benutzerfreundlichkeit: Hübsch anzusehen, aber mühsam zu bedienen

Die Benutzeroberfläche ist kürzlich runderneuert worden und kommt in einem freundlichen, klaren Look daher. Vor allem in der Browser-Version sind die Inhalte leicht zu finden und übersichtlich angeordnet. In der mobilen Version sind einige Funktionen nicht vorhanden, was deutlich zu Übersichtlichkeit beiträgt. Beispielsweise wurde darauf verzichtet, den ohnehin etwas angestaubt wirkenden Avatar zu implementieren, es gibt aber dafür auch keinen mobilen Zugang zum Forum, was schade ist.

Was ich als wirkliches Defizit empfunden habe, betrifft eher die Grundfunktionen von LingQ: Zwar gibt es zu jedem Text ein Audiofile, das man sich anhören kann, allerdings ist dieses in keiner Weise mit dem Text synchronisiert. Man sieht also nie, wo man sich im Text befindet, und es gibt keine Möglichkeit, sich einzelne Sätze anzuhören. Die einzelnen Wörter werden durch anklicken zwar ausgesprochen, aber nur von einer Computerstimme. Je nachdem, wie lang die Texte sind (teilweise bis zu 6 Seiten), ist das wirklich nervig. Ähnliches gilt für Übersetzungen. Nicht alle Texte bieten überhaupt eine Übersetzung (die Lektionen sind größtenteils von der Community gemacht und daher von unterschiedlicher Qualität), und wenn eine existiert, dann nur als zusammenhängender Text, wiederum ohne Bezug zum fremdsprachigen Text. Das macht es sehr sehr mühsam, die Übersetzung für einen bestimmten Satz herauszufinden, was gerade für Anfänger häufig nötig sein wird, da es ohne Grammatik-Erklärungen oftmals schwierig ist, sich einen Satz zu erschließen.

Eine interessante Funktion ist das Importieren/Erstellen eigener Lektionen. Hier kann man eigene Texte und Audiofiles einstellen und privat nutzen oder für andere Nutzer freigeben. Auf diese Art entsteht der Großteil des Contents auf LingQ.

Preis-Leistung: Viel Umfang für viel Geld

Große Teile von LingQ sind kostenfrei nutzbar. Theoretisch kann man sich ohne Einschränkung alle Lektionen ansehen, ohne etwas zu bezahlen. Wenn man allerdings mehr als 100 LingQs erstellen will, muss man ein Abo abschließen. Ein Workaround ist, alle erstellten LingQs wieder zu löschen beziehungsweise zu lernen und als bekannt zu markieren, bevor man neue erstellt. So wird LingQ zu einer kostenlosen Quelle für massenhaft authentisches Text- und Audiomaterial.

Neben der Abo-Option gibt es außerdem ‚Punktepakete‘, die sich erwerben lassen. Mit diesen Punkten kann man Tutoring-Stunden bei Sprachlehrern buchen oder im Forum Fragen an die Community stellen. Für das Beantworten solcher Fragen erhält man wiederum Punkte. Für Abonnenten sind Punkte günstiger zu erwerben. 15 Minuten Einzelkonversation mit einem Lehrer würden dabei zwischen $4.25 und $10 kosten.

Ein normales Premium-Abonnement kostet 10€/Monat. Für 39€/Monat erhält man zusätzlich 3000 Punkte im Monat, die man für Tutoring ausgeben kann.

Im Vergleich zu anderen Apps gehört LingQ damit nicht zu den billigsten Anbietern, dafür bietet es einen enorm großen Funktionsumfang und eine schier endlose Zahl an Lektionen, die ständig von der Community erweitert wird.

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Fazit: Für Fortgeschrittene europäischer Sprachen geeignet

Mein Lernerlebnis mit Französisch war trotz der genannten Usability-Probleme positiv, da es mir dabei nur um die Erweiterung meines Vokabulars ging. Wenn man sich um Grammatik keine Gedanken mehr machen muss und Texte größtenteils versteht, und nur einzelne Wörter nachschlagen muss, ist LingQ ein sehr hilfreiches Tool, was einem eine große Masse qualitativen Inputs bietet. Gerade für Anfänger und für Lerner nicht-europäischer Sprachen (und vor allem für die Kombination aus beidem) ist LingQ leider mehr Frust als Lust. Für letztere kann ich die Software einfach nicht empfehlen.

Titelbild: © Valerie Vogt, Screenshots: © lingq.com

LingQ

LingQ
6.6666666666667

Didaktik:

7/10

    Benutzerfreundlichkeit:

    6/10

      Preis-Leistung

      8/10

        Vorteile

        • Riesiger Funktionsumfang
        • Authentische Inhalte
        • Export von Audiofiles
        • Große Community

        Nachteile

        • Für Anfänger ungeeignet
        • Asiatische Sprachen schlecht umgesetzt
        • Didaktische Mängel
        • Handhabung unpraktisch

        About Valérie-Françoise Vogt

        Als Interaction-Designerin, Kognitionswissenschaftlerin und selbst begeisterte Sprachen-Lernerin ist Valérie immer auf der Suche nach der perfekten Sprachlern-Software.

        3 Comments

        • […] Geboren in Schweden, lebt Steve Kaufmann heute in Vancouver Canada. Nach seiner Zeit als Diplomat hat er sich nun ganz dem Lernen neuer Sprachen gewidmet und ist im Internet nicht nur als Polyglot bekannt, sondern gleichzeitig auch als Gründer der Sprachenlern-Plattform „Lingq“ (Zum ausführlichen LingQ Testbericht). […]

        • Liebe Valérie-Françoise,

          vielen Dank für dein Review.
          Wir freuen uns immer über das Feedback von Nutzern und Interessenten von LingQ.

          Zu der Sache mit den trennbaren Präfixen und ähnlichem:
          LingQ bietet die Möglichkeit mehrere Wörter eines Satzes durch markieren zu verbinden und zeigt einem auch „Empfohlene Sätze“ an, insofern im System vorhanden (Zu erkennen an den umrandeten Satzteilen: http://imgur.com/a/cRacs)
          Falls die vorgeschlagenen Übersetzungen nicht zutreffen, gibt es außerdem noch die Möglichkeit das eingebaute Wörterbuch zu benutzen.
          Die Desktop Version ermöglicht es einem auch „Beliebte Übersetzungen“ in einer anderen Sprache anzuzeigen, zum Beispiel auf Englisch. Ein Feature, dass auch bald in unseren mobilen Apps aufgenommen wird.
          Dies sollte dabei helfen, solche oder ähnliche Konstruktionen trotzdem mit zu übersetzen.

          Wir sind sehr bemüht das LingQ-System jeden Tag weiterzuentwickeln, um unserer Community von begeisterten Sprachenlernern ein bestmögliches Erlebnis zu bieten. Wir bedanken uns für deine Anregungen und werden diese in die Optimierung von LingQ miteinbeziehen.

          Beste Grüße,
          Fabian vom LingQ-Team

          • Lieber Fabian,
            vielen Dank für deinen Hinweis. Die Funktionsweise dieses Features war tatsächlich meiner Aufmerksamkeit entgangen, ich habe den Artikel entsprechend aktualisiert. Ich dachte zunächst, die ‚vorgeschlagenen Sätze‘ sollten die Funktion von weiteren Beispielsätzen, die das markierte Wort enthalten, erfüllen und war entsprechend enttäuscht von deren Auswahl. Vielen Dank, dass du mich darauf hingewiesen hast.
            Viele Grüße
            Valerie

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