Busuu ist vom Aussterben bedroht – oder sogar schon ausgestorben. Laut Wikipedia gab es im Jahr 2005 noch sage und schreibe 3 Sprecher dieser Sprache aus dem Kamerun. Die Sprachlern-Plattform busuu.com startete deshalb 2010 eine Aktion zu deren Rettung und veröffentlichte Lernmaterial und sogar ein Musikvideo mit den letzten Sprechern der exotischen Sprache. Ob die Aktion Busuu vor dem Aussterben bewahrt hat, ist unklar. Teil der Sprachpalette der Software ist Busuu zumindest nicht mehr, dafür gibt es aber viele andere Sprachen zu lernen und das sowohl online als auch mobil, mit abwechslungsreichen Übungen, Vokabeltrainer und großer Online-Community. Wie gut ist busuu wirklich? Ich habe mir die Sprachlern-Plattform im ausführlichen Test genauer angeschaut.

Was wird getestet

Um möglichst viele Facetten der Software zu testen, habe ich mir den Japanisch- und Französisch-Kurs vorgenommen, da sich hier gut zeigen lässt, wie busuu mit unterschiedlichen Schriftsystemen und völlig unterschiedlichen Sprachen umgeht. Die meisten Features von busuu lassen sich kostenfrei nutzen, trotzdem habe ich auch die Premium-Features getestet, die einige weitere Funktionen bieten. busuu bietet eine Online-Plattform, die sich im Browser bedienen lässt und zusätzlich Apps für Android und iOS. Um den gesamten Funktionsumfang bewerten zu können, habe ich mir beide Versionen vorgenommen.

Umfang & Features

Das Kernstück von busuu ist eine Online-Plattform, die in einem verspielten, freundlichen, aber trotzdem übersichtlichen Look daherkommt. Hier kann man seine Sprache anhand eines fortlaufenden Kurses von A1 bis B2 lernen oder auch beliebig zwischen den Lektionen springen. Es gibt einen Vokabeltrainer, in dem man während des Übens Vokabeln sammeln kann, und einen Bereich „Übung“, in dem man anhand von authentischen Videos und Fotos seine Schreibkenntnisse vertiefen kann. Auf der Website kann man nicht nur PDFs der Lektionen herunterladen, sondern sich außerdem mit anderen Muttersprachlern vernetzen und Feedback für Übungen einholen oder live chatten. Gerade dieses Feature ist sehr hilfreich, da sich die Suche nach einem Tandem-Sprachpartner somit erübrigt.

busuu Lektionsübersicht, Lektion mit Grammatikeinheit und Vokabeltrainer
Bis auf ein paar Ausnahmen enthält die mobile Version die gleichen Lektionen und Features wie die Web-Version. Außerdem kann man alle Lektionen auf das Mobilgerät herunterladen und sie somit offline verfügbar machen, was sehr praktisch für unterwegs ist.
busuu ist für folgende Sprachen verfügbar:

  • Englisch
  • Spanisch
  • Italienisch
  • Französisch
  • Portugiesisch
  • Türkisch
  • Arabisch
  • Polnisch
  • Deutsch
  • Russisch
  • Japanisch
  • Chinesisch

Alle Kurse gibt es in den Stufen A1 bis B2 mit zusätzlichem Reise-Sprachkurs. Für Englisch gibt es einen weiteren Business-Sprachkurs. Der Umfang der einzelnen Lektionen variiert zwischen den Sprachen allerdings stark. So enthalten beispielsweise Französisch und Spanisch mehr Übungen pro Lektion als Japanisch oder Arabisch. Auch inhaltlich sind die üblicheren Sprachen (wie Englisch, Französisch, Spanisch) deutlich besser ausgebaut als Polnisch, Chinesisch oder Russisch.

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Didaktisches Konzept: Schema F mit interessantem Bonus

Wie lassen sich also Sprachen mit busuu lernen? Jedes Sprachlevel besteht aus 10 – 20 Lektionen, die aus einer oder mehreren kurzen Einheiten bestehen, welche wiederum meist in Vokabeln, Dialog und Test (nur Premium) aufgeteilt sind. Zusätzlich gibt es bei einigen Sprachen noch gezielte Grammatik-Lektionen.

Schauen wir uns beispielhaft eine Einheit genauer an:
Eine Einheit beginnt meist mit Vokabeln. Hierzu wird ein (Stock-)Foto gezeigt und das entsprechende Wort von einem Muttersprachler vorgelesen. Dazu sieht man das geschriebene Wort (in Sprachen mit nicht romanischem Alphabet im Original und Transkription) und die Übersetzung. Zusätzlich gibt es meist noch einen Beispielsatz, was sehr sinnvoll ist, um das Wort im Kontext zu hören und sich besser einzuprägen.  Pro Einheit lernt man 15 neue Vokabeln. Es erfolgen mehrere Zwischenabfragen.

Im Anschluss folgt ein Dialog zwischen zwei Muttersprachlern, der die gelernten Vokabeln beinhaltet. Eine wunderbare Idee, allerdings wird nur ein Teil der zuvor gelernten Vokabeln auch verwendet. Stattdessen werden zum Teil noch unbekannte Wörter benutzt, was gerade für Anfänger problematisch ist. Beim Dialog handelt es sich um einen Lückentext, in den man per Multiple Choice die fehlenden Wörter einsetzen muss. Da der Text gleichzeitig vorgelesen wird, ist diese Aufgabe selbst für einen Anfänger zu einfach, da er nur das Wort aus der Liste wählen muss, das im entferntesten nach dem gesprochenen klingt – Was beispielsweise bei der Wahl zwischen „junk food“, „régime équilibré“ und „vitamines“ nicht sonderlich schwer sein sollte.

Anders sieht es allerdings bei Japanisch aus: Hier wird der gesamte Dialog ohne Transkription in Hiragana angezeigt. Da diese Schrift aber nicht gelehrt wurde, ist es für Anfänger unmöglich, die Aufgabe zu lösen – es sei denn, man hat sich beim Vokabelteil die Zeichen fotografisch gemerkt. Gleiches gilt für Chinesisch, Arabisch und Russisch.

Beispiele für Französisch-Übungen in busuu

Der letzte Teil der Einheit bietet für Premium-Nutzer noch ein Quiz, in dem die gelernten Vokabeln wiederholt werden. Hier gibt es eine Reihe von abwechslungsreichen Übungen wie Bilderzuordnung oder das Anordnen von Wörtern in der richtigen Reihenfolge. Auch Buchstabierübungen gibt es für manche Sprachen (u.a. Französisch). Auch diese Aufgabe ist selbst für Anfänger etwas zu leicht zu meistern.
Didaktisch besser gestaltet sind die Grammatik-Einheiten, die gezielt einzelne Aspekte trainieren. Hier ist man gefordert mitzudenken und kann in abwechslungsreichen Übungen seinen Fortschritt testen. Leider sind auch diese Einheiten nur für die ‚großen‘ Sprachen verfügbar.

Aufbau von Grammatikeinheiten in busuu am Beispiel Französisch
Womit busuu wirklich punktet, ist die Möglichkeit, die eigene Stimme aufzunehmen (nur Desktop-Version) oder freie Texte zu formulieren und dafür Feedback von Muttersprachlern der Community zu erhalten. Diese Option ist ein Alleinstellungsmerkmal von busuu, da gerade Übungen zur Sprachproduktion in den meisten Apps nicht vorhanden sind.

Beispiel einer Grammatik-Einheit auf Japanisch in busuu

Was heutzutage in kaum einer Sprachlernsoftware mehr fehlt, sind kleine Belohnungen, hier in Form von ‚berries‘, für die man -für meinen Geschmack etwas zu niedliche- Tierchen kaufen und in den eigenen ‚Garten‘ setzen kann.

Benutzerfreundlichkeit: Schöner Look mit kleinen Fehlern

An der Nutzerführung von busuu lässt sich nichts aussetzen – im Gegenteil. Die Software ist wunderschön gestaltet, sehr aufgeräumt und übersichtlich. Die Menüführung ist klar und wird durch ein Hilfe-Menü unterstützt. Kleine Mankos sind, dass man Grammatik-Einheiten mühsam unter den Lektionen suchen muss und diese nicht gesammelt zu finden sind und dass es gelegentlich kleine Bugs gibt (z.B. fehlende Übersetzungen). Leider gibt es bei busuu keine Möglichkeit, einzelne Wörter eines längeren Begriffs nachzuschlagen. Störend vor allem bei Benutzung der mobilen App ist, dass alle Einheiten einer Lektion nahtlos ineinander übergehen, so dass man wirklich Mühe hat zu erkennen, an welcher Stelle man aussteigen könnte, um später weiterzumachen.

Preis/Leistung: Viele Sprachen für wenig Geld

Viele Features von busuu lassen sich ohne Kosten nutzen. Wer aber Gebrauch von Grammatik-Lektionen, Vokabel-Tests und Aussprache-Training machen will, braucht einen Premium-Account. Wie bei anderen Anbietern sind die Preise danach gestaffelt, wie lange man sich verpflichtet. So kosten 3 Monate 10.99 € / Monat, 6 Monate kosten 9,99 € / Monat, 12 Monate 5,83 € / Monat und 24 Monate 4,99€ / Monat. busuu ist bei weitem nicht der billigste Anbieter, allerdings kann man für diesen Preis auch alle 12 Sprachen lernen und muss nichts zusätzlich zahlen.

busuu_PremiumFeatures

Zielgruppe: One size fits all

Da das Angebot von busuu so vielfältig ist, ist es im Prinzip für jeden geeignet. Die einen werden sich eher auf die Grammatikübungen konzentrieren, während eher soziale Typen von der Vernetzung mit der Community Gebrauch machen können. Für Anfänger ohne Vorkenntnisse ist das Programm nur bedingt zu gebrauchen. Englisch oder Französisch von Null an zu erlernen, scheint durch die klare Struktur möglich, für andere Sprachen gilt dies jedoch nicht. Bei Sprachen mit fremdem Schriftsystem sind selbst die ersten Übungen zu schwierig. Erwähnt werden sollte außerdem, dass man als Fortgeschrittener zwar an jeder Stelle des Kurses einsetzen kann, allerdings gibt es keinen Einstufungstest wie bei Duolingo oder Rosetta Stone.

 

Beispiel für Korrektur von Texten für andere in busuu

Bildnachweis: Titelbild © Valérie-Françoise Vogt / Screenshots © busuu.com

Fazit: busuu hat noch viel Luft nach oben

Als ich busuu das erste Mal benutzte, war ich vollends begeistert. Die freundliche Oberfläche, das Angebot an Sprachen und die Möglichkeit, freie Texte durch Muttersprachler korrigieren zu lassen, hatten mich sofort überzeugt. Leider stellt sich erst bei näherem Hinsehen heraus, dass das didaktische Konzept noch einige Wünsche offen lässt. Die Lektionen folgen meist dem gleichen Schema, die Übungen sind entweder zu einfach oder zu schwierig und die gelernten Vokabeln werden nicht ausreichend angewendet. Alle eher seltener gelernten Sprachen wie Japanisch, Chinesisch oder Arabisch sind exakt nach dem gleichen Plan aufgebaut und scheinen lediglich 1 zu 1 Übersetzungen voneinander zu sein. Das geht in manchen Fällen gut, aber es bedeutet auch, dass auf individuelle Aspekte einer Sprache nicht eingegangen werden kann. So ist zum Beispiel der sechste Begriff, der im Anfängerkurs gelehrt wird, „Wie heißt du?“. In den meisten Sprachen ist das ein überschaubarer Satz, doch die japanische Übersetzung „Anata no namae wa nan desu ka?“ ist für Anfänger wohl nur schwer zu behalten, zumal es keinerlei Erklärung der einzelnen Satzbestandteile gibt.

Gerade für Fortgeschrittene, die ihre Kenntnisse vertiefen oder ihr Vokabular etwas erweitern wollen, bietet busuu allerdings ein paar attraktive Möglichkeiten. Die Integration von authentischen Videos ist hier erwähnenswert und vor allem die Möglichkeit, mit Muttersprachlern zu chatten und eigene Texte korrigieren zu lassen. Allein dafür würde sich der Preis bereits lohnen. Fazit: Für Anfänger ist busuu mit Vorsicht zu genießen, doch für Fortgeschrittene mit sozialer Ader durchaus empfehlenswert.

busuu Testergebnis

busuu Testergebnis
7.2

Didaktik:

6.0/10

Benutzerfreundlichkeit:

8.0/10

Preis-Leistung

7.5/10

Vorteile

  • Viele Sprachen für einen Preis
  • Alle Sprachen sind in allen Kompetenzstufen verfügbar
  • Online-Community, die Feedback gibt
  • Texte von Muttersprachlern eingesprochen
  • Weite Teile kostenlos nutzbar

Nachteile

  • Das didaktische Konzept lässt sehr zu wünschen übrig
  • Teils nichtssagende Stock-Fotos

About Valérie-Françoise Vogt

Als Interaction-Designerin, Kognitionswissenschaftlerin und selbst begeisterte Sprachen-Lernerin ist Valérie immer auf der Suche nach der perfekten Sprachlern-Software.

3 Comments

  • […] ist nur ein Vokabular von etwa 3000 Wörtern pro Sprache in den Kursen enthalten. Auch in unserem ausführlichen Test konnte sich Busuu nicht gegen Platzhirsche wie Babbel oder Rosetta Stone durchsetzen, dennoch […]

  • Heidi sagt:

    Für User aus der Schweiz empfehle ich, kein Premium abo für ein Jahr abzuschliessen.
    Es wird automatisch für ein weiteres Jahr verlängert, ohne Rücksprache, zu einem überhöhten Preis.
    Wenn man mit einer Kreditkarte bezahlt, erlaubt busuu es sich ganz einfach sich dieser Karte zu bedienen.
    Lassen Sie die Finger von „Premium“ wenn sie sich Ārger ersparen wollen

  • Hallo Heidi,
    Danke, dass Sie Ihre Erfahrungen hier teilen. Und ja, leider setzen viele der Sprachkursanbieter auf ein Abomodell. Es wäre schön, wenn da ein Ruck durch die Branche gehen würde und man sich auf Raten oder Einmalzahlungen verständigen würde. Das ist aber wohl noch ein langer Weg (den wir mit unserem Coaching Kurs aber schon mal gehen ;-))
    Beste Grüße
    cR

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