Bist du schon ein fortgeschrittener Sprachlerner und hast manchmal das Gefühl, keine Fortschritte mehr zu machen? Besonders häufig kommt uns Lernern das so vor, wenn es darum geht, in der Fremdsprache eine Unterhaltung zu führen oder Radio- oder Fernsehsendungen zu folgen. Dann kommt schnell der Gedanke auf: „Ich kann ja gar nichts!“

Wenn du wie viele Lerner dieses Gefühl kennst oder auch ganz einfach ein bisschen Abwechslung und frischen Wind in dein Lernen bringen möchtest, habe ich heute eine sehr effektive Lerntechnik für dich: Shadowing.

Was ist das überhaupt?

Beim Shadowing wird, wie der Name schon vermuten lässt – das englische Wort „shadow“ bedeutet „Schatten“ -, ein Text „beschattet“. Du folgst also dem Text entweder (nahezu) gleichzeitig, ein bisschen zeitversetzt oder in einem größeren Zeitabstand. Wie das alles genau funktioniert, erkläre ich dir gleich.

Shadowing wird häufig bei Dolmetschern als Vorbereitung auf ihren späteren Beruf eingesetzt – und was sind die Kernkompetenzen dieser Berufsgruppe? Verstehen und Sprechen.

Durch das Shadowing soll also das Gehirn optimal auf den Gebrauch der Fremdsprache und vor allem auf das gleichzeitige Zuhören und Sprechen vorbereitet werden. Aber auch wenn du kein Dolmetscher werden willst, ist diese Technik sehr gut geeignet, um in kurzer Zeit erstaunliche Fortschritte beim Verstehen und vor allem beim Sprechen der Fremdsprache zu erzielen.

 

Was sind die Vorteile von Shadowing?

Da du beim Shadowing Muttersprachler nachahmst, wird sich in kurzer Zeit deine Aussprache und auch deine Sprechgeschwindigkeit deutlich verbessern. Du wirst auch allgemein dein Hörverstehen verbessern, da du dich ja bewusst mit Sprache umgibst und aktiv damit arbeitest.

Durch das Mit- oder Nachsprechen schleifen sich bei dir Redewendungen oder Strukturen der Fremdsprache ein, die du dann in einem Gespräch wesentlich schneller parat hast. So kannst du spontan reagieren, ohne lange überlegen müssen. Der große Vorteil ist, dass das Übersetzen im Kopf wegfällt, du nimmst ja nicht mehr den Umweg über deine eigene Muttersprache.

Wegen der genauen Lektüre fallen dir Textdetails auf, die du beim flüchtigen Lesen vielleicht nicht einmal bemerkt hättest. Zudem vergrößert sich nicht nur dein passiver, sondern auch dein aktiver Wortschatz.

Als Prüfungsvorbereitung gibt es nichts Besseres: Wenn du diese Technik häufig anwendest, dann bist du optimal auf die Bereiche Hören, Lesen und Sprechen vorbereitet!

 

Wie funktioniert Shadowing?

Grundsätzlich einmal hast du fünf verschiedene Möglichkeiten.

Möglichkeit 1:

Du hörst dir einen Satz des Textes an und drückst dann auf Pause. Anschließend sprichst du den Satz ablesend nach. Nachfolgend hörst du dir den nächsten Satz des Textes an, drückst wieder auf Pause, sprichst den Satz wieder nach und so weiter. Diese erste Möglichkeit ist für diejenigen geeignet, die mit dieser Shadowing-Technik erst anfangen und sich erst einmal daran gewöhnen möchten. Auch wenn es um einen relativ anspruchsvollen Text geht, solltest du mit dieser Möglichkeit einsteigen. Steigern kannst du immer noch.

Möglichkeit 2:

Wenn du diese erste Möglichkeit gut beherrscht, probiere doch einmal folgendes aus: Höre dir einen Satz an, drücke auf Pause und sprich den Satz nach. Diesmal – und das ist die Steigerung des Schwierigkeitsgrades – allerdings, ohne den Text mitzulesen. Es ist klar, dass du hier unbedingt einfache Texte mit kurzen Sätzen wählen solltest!

Möglichkeit 3:

Als dritte Möglichkeit kannst du den Text gleichzeitig hören und lesen. Dabei sprichst du ihn mit kleiner Zeitverzögerung nach, etwa wie ein Simultandolmetscher im Fernsehen. Diese Technik ist schon wesentlich anspruchsvoller als die ersten beiden und will geübt sein.

Möglichkeit 4:

Du ahnst es schon, jetzt wirst du als Lerner noch etwas mehr gefordert. Im Prinzip entspricht diese vierte Möglichkeit der dritten, allerdings sprichst du den Text gleichzeitig (oder nur mit minimaler Zeitverzögerung) mit.

Möglichkeit 5:

Die Königsklasse: Du kannst auch den Text nur anhören, also ohne Lesetext, und den Text mitsprechen. Dies wird allerdings nur bei dir sehr bekannten Texten funktionieren.

 

Der Lerntipp vom talkREAL-Institute: Für alle diese Shadowing-Durchgänge sind deine mit der transREAL-Methode bearbeiteten Texte sehr gut geeignet. Setze die Shadowing-Technik dann ein, wenn du die transREAL-Texte schon sehr häufig passiv, aber auch aktiv gehört hast.

Wenn du wissen möchtest, wie so etwas in der Praxis funktioniert, habe ich für dich ein Video gefunden. Julian von „Doing English with Julian“ demonstriert dir im Video an einem Beispieltext einige Möglichkeiten. Er nimmt sich sogar selbst bei seinem Training auf, um den Erfolg analysieren zu können. Ob du das auch ausprobieren möchtest, bleibt dir überlassen. Ich persönlich mache das nicht.

 

 

Beispielvideo von „Doing English with Julian“

 

Was brauchst du für das Shadowing?

Du benötigst einen Lesetext auf höchstens deinem Sprachniveau, eher etwas darunter. Es ist nicht das Ziel, das Textverständnis zu fördern, sondern die Sprechfähigkeit und die Kombination Hören und Sprechen.

Außerdem brauchst du eine Audioversion deines Lesetextes. Wenn du mit transREAL arbeitest, bist du bestens ausgestattet, aber auch sonst gibt es viele Materialien schon als schriftliches und Hörmaterial.

Hier könntest du zum Beispiel auch Filme nutzen und die Untertitel einblenden. Die Tonspur ist dann dein Hörtext, die Untertitel sozusagen dein Lesetext.

Aber auch Blogartikel, die es häufig auch in Verbindung mit dem dazugehörigen Podcast gibt, sind geeignet. Viele Lektüren gibt es in der Kombination Buch und CD. Auch viele Tageszeitungen bieten die Möglichkeit, sich auf der Internetseite die Artikel vorlesen zu lassen.

Beachte aber dabei: Die Sprechgeschwindigkeit sollte nicht zu hoch sein. Wähle gerade zu Beginn Material, das eher zu langsam als zu schnell gesprochen wird.

Außerdem sollten die Sprecher die Standardsprache benutzen und nicht gleich einen asturischen, provenzalischen oder sizilianischen Dialekt. Daher sind beispielsweise die Filme „Bienvenu chez les Ch’tis“ oder „Benvenuti al Sud“ nur bedingt geeignet.

Außerdem ist ein Kopfhörer eine gute Idee. Du blendest dadurch nämlich die Außengeräusche ein bisschen aus. Allerdings solltest du nur einen Ohrstecker benutzen, sonst hörst du deine eigene Stimme zu laut. Probiere aus, was dir angenehm ist.

 

Wie ist die Vorgehensweise beim Shadowing?

Du hörst dir den Text mehrmals an. Sofern du mit der transREAL-Methode arbeitest, kannst du diesen Arbeitsschritt überspringen, weil du den Teil des Hörens sowieso schon in deinen Lernprozess integriert hast. Du solltest also den Text sehr sehr gut kennen. Alle Wörter sollten bekannt sein.

Gehe dann so vor wie in den fünf Möglichkeiten beschrieben. Probiere die fünf Möglichkeiten, angefangen bei Nummer 1, nacheinander durch. Wenn dir eine Möglichkeit zu einfach erscheint, wechselst du zur nächsten, die ein bisschen schwieriger ist. Wenn die Möglichkeit allerdings zu schwierig ist, gehst du einen Schritt zurück. Richte dich nach deinen Fähigkeiten.

 

Was ist, wenn du den Faden verlierst?

Kein Problem – dann holst du einmal tief Luft und steigst wieder in den Text ein, am besten nach dem nächsten Absatz. Wenn dein Text sehr kurz ist, fängst du einfach noch einmal an. Mache dir keinen Druck, hier macht wirklich Übung den Meister.

 

Aber ist das nicht alles ein bisschen zu schwer?

Ich gebe zu, für komplette Anfänger ist die Technik nicht geeignet. Aber schon nach einigen Wochen oder Monaten des Lernens kannst du das Shadowing ausprobieren! Versuche es doch erst einmal in deiner Muttersprache, um ein Gefühl für die Herangehensweise zu bekommen. Spiele also in deiner Muttersprache die fünf Möglichkeiten durch. Erst wenn das gut funktioniert, nimmst du dir einen (ganz einfachen) Text in der Fremdsprache vor.

 

Was du jetzt tun solltest

Alles verstanden soweit? Großartig, dann suche dir einen Text aus, an dem du diese Technik ausprobieren möchtest.

Probiere dann die Möglichkeiten durch und bleibe bei der, die deinem aktuellen Sprachniveau entspricht.

Wenn du noch Fragen dazu hast, stehen wir dir gerne zur Verfügung, sprich uns einfach an!

Du wirst sehen, ich habe dir nicht zu viel versprochen: Bei deiner nächsten Spanienreise oder schwedischen Unterhaltung (oder was auch immer dein Ziel ist) wirst du nicht nur die Sprache viel besser sprechen, sondern in ihr aufgehen und merken, wie viel Spaß das macht!

Viel Erfolg dabei!

Eine Bitte noch zum Schluss: Schreibe uns doch in die Kommentare, welche Sprache du lernst, welche Inhalte du für das Shadowing nutzt und wo du sie gefunden hast!

 

Bildnachweise: Header: © Pixabay/fen & Video: YouTube: © Doing English with Julian

About Christine Konstantinidis

Autorin, Sprachlehrerin und Coach. Christine unterstützt Menschen seit Jahren beim Sprachenlernen. Passion ist Passion! Genau diese Leidenschaft plus kreative Lerntechniken bringt Christine in die Lernberatung und in die Blogartikel ein!

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