Zu Beginn eine kleine Geschichte …

Gerade eben hat mir ein italienischer Freund eine Geschichte per WhatsApp geschickt. Sie geht folgendermaßen:

Der schwarze Punkt

Eines Tages kam ein Professor in die Klasse und schlug einen Überraschungstest vor. Er verteilte sogleich das Aufgabenblatt, das wie üblich mit dem Text nach unten zeigte. Dann forderte er seine Studenten auf, das Blatt umzudrehen und zu beginnen. Zur Überraschung aller Studenten gab es keine Fragen, nur einen schwarzen Punkt in der Mitte der Seite.

Nun erklärte der Professor Folgendes: Ich möchte Sie bitten, das aufzuschreiben, was Sie sehen. Die Schüler waren verwirrt, aber begannen mit ihrer Arbeit. Am Ende der Stunde sammelte der Professor alle Antworten ein und begann, sie laut vorzulesen. Alle Schüler ohne Ausnahme hatten den schwarzen Punkt beschrieben: seine Position in der Mitte des Blattes, seine Lage im Raum, sein Größenverhältnis zum Papier und so weiter.

Nun lächelte der Professor und sagte: Ich wollte Ihnen eine Aufgabe zum Nachdenken geben. Niemand hat etwas über den weißen Teil des Papiers geschrieben. Jeder konzentrierte sich auf den schwarzen Punkt –  und das Gleiche geschieht in unserem Leben. Wir haben ein weißes Papier erhalten, um es zu nutzen und zu genießen, aber wir konzentrieren uns immer nur auf die dunklen Flecken. Unser Leben ist ein Geschenk, dass wir mit Liebe und Sorgfalt hüten sollten und es gibt eigentlich immer einen Grund zum Feiern: die Natur erneuert sich jeden Tag, unsere Freunde, unsere Familie, die Arbeit, die uns eine Existenz bietet, die Wunder, die wir jeden Tag sehen. Oft sind wir aber nur auf die dunklen Flecken konzentriert: Die gesundheitlichen Probleme, der Mangel an Geld, die komplizierte Beziehung mit einem Familienmitglied, die Enttäuschung mit einem Freund. Nehmen Sie die schwarzen Punkte wahr, richten Sie Ihre Aufmerksamkeit aber mehr auf das gesamte weiße Papier und damit auf die Möglichkeiten und glücklichen Momente in ihrem Leben.

Was diese kleine Geschichte – vielleicht kannten Sie sie ja auch schon, sie geht momentan durch die sozialen Medien – mit dem Sprachenlernen und unserem Thema Perfektionismus zu tun hat? Sehr viel, wie Sie gleich feststellen werden!

 

Gute Vorsätze zu Beginn des Jahres und die Falle Perfektionismus

Zu Beginn des Jahres werden gerne gute Vorsätze gefasst. Dabei mangelt es nicht an Motivation – daher fallen diese guten Vorsätze auch meist sehr ambitioniert aus. Nicht selten hört man dann: „Ich lerne jeden Tag mindestens eineinhalb Stunden Spanisch!“ oder „Jeden zweiten Tag arbeite ich 4 Seiten in meiner Italienischgrammatik durch!“ oder „Ich belege ab Februar einen Intensiv-Englischkurs mit 3 Terminen pro Woche!“ Sie wissen zwar, dass Sie beruflich sehr eingespannt sind und dass Sie auch familiäre Verpflichtungen haben, aber wenn Sie schon eine Sprache lernen, dann „gleich richtig!“.

Sie haben also angefangen zu lernen, einen Tag, zwei Tage, vielleicht sogar drei. Was ist dann passiert? Haben Sie festgestellt, Ihre guten Vorsätze à la „4 Seiten pro Tag“ oder „3 Sprachkurs-Termine pro Woche“ waren viel zu ambitioniert und sind im wirklichen Leben kaum zu schaffen? Haben Sie sich dann widerwillig weitergelernt, gemäß dem Motto „Was man anfängt, zieht man auch durch!“ oder haben Sie gleich komplett aufgehört? Vielleicht hat Ihnen Ihr Perfektionismus gleich einen Strich durch die Rechnung gemacht und Sie haben gar nicht erst angefangen, weil das perfekte Material, der perfekte Tag, die perfekte Umgebung einfach noch nicht vorhanden war.

Prinzipiell ist es nicht schlecht, perfektionistisch veranlagt zu sein. Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstsein und Ehrgeiz sind auch beim Sprachenlernen wichtige Eigenschaften für den Erfolg, aber …

… Perfektionismus ist dann schlecht, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit nur noch darauf richten, bei sich selbst Ihre (sprachlichen) Fehler und Schwächen zu sehen. Sie stellen sich selbst als eine Art Versager hin, sobald Sie sich auch nur einen einzigen Fehler in einer Übung erlaubt haben oder eine Lerneinheit verpasst haben. Diese Selbstverurteilung hat aber nicht nur Auswirkungen auf Ihr Lernverhalten an sich – vermutlich lernen Sie nicht mehr, weil Sie es wollen, sondern aus einem inneren Zwang heraus -, sondern führt zu Anspannung, Stress, Frustration und mangelndem Selbstvertrauen. Irgendwann können Sie sich nicht mehr über Ihre eigenen Leistungen freuen.

 

Machen Sie es besser!

Die Verbindung zur Geschichte

Sehen Sie doch nicht die Arbeit und die schwarzen Punkte bei Ihrem Vorhaben! Konzentrieren Sie sich vielmehr auf das weiße Blatt, die positiven Aspekte, die das Lernen einer Sprache mit sich bringt. Welche das sind? Sie lernen doch, damit Sie García Marquez im Original lesen können, damit Sie keine Übersetzung mehr bei Filmen wie Midnight in Paris von Woody Allen brauchen, damit Sie Buchhandlungen, Restaurants und Theateraufführungen in Italien oder in den USA besuchen können. Sie lieben doch das Reisen, die Besuche bei ausländischen Freunden, die Skype-Unterhaltungen mit Ihren Tandempartnern. Das sind die weißen Felder des Blattes – konzentrieren Sie sich darauf!

Sprachen lernen. Lass dich jetzt coachen.

Dazu einige konkrete Tipps:

Richten Sie sich bei Ihrer Zielsetzung nach Ihren Fähigkeiten

Setzen Sie Ihr Ziel angemessen an. Es ist nämlich für das Selbstwertgefühl besser, nach oben anzupassen, also das Pensum zu steigern, als nach unten, also das Pensum zu reduzieren. Denken Sie auch daran, dass Ihr Ziel nicht zu schwammig formuliert ist – Sie brauchen eine Formulierung mit einem Termin und genauer Zieldefinition. Nur „Ich möchte eine Sprache lernen“ reicht nicht aus.

Machen Sie Fehler beim Sprechen und Schreiben

Wichtig ist, die Sprache anzuwenden. Es ist klar, dass dabei auch Fehler passieren – und das ist auch notwendig, denn nicht umsonst heißt es: Aus Fehlern lernt man. Nehmen Sie also die Fehler als das, was sie sind: Als ein Hinweis darauf, was Sie in der Sprachverwendung noch üben sollten. Und: Sprechen lernt man nur durch Sprechen, Schreiben nur durch Schreiben. Schwimmen lernen Sie ja auch nicht durch das Hochklettern von Kletterwänden. Zu diesem Thema ist ein Artikel auf unserem Blog erschienen, darin gehen wir genau auf die Bedeutung von Fehlern ein. Sie finden darin auch Strategien, wie Sie sich bei Fehlern verhalten sollten.

Sprachenlernen braucht Zeit

Erwarten Sie keine Höchstleistungen nach der ersten Sprachstunde. Sprachenlernen braucht einfach seine Zeit. Wie Sie sich vorstellen können, gibt es auch keine Abkürzung. Wenn Ihnen jemand verspricht, Sie lernen in 2 Wochen eine Sprache fließend, dann hat derjenige entweder eine sonderbare Definition von „fließend“ oder er sagt Ihnen schlichtweg nicht die Wahrheit. Auch Tour-de-France- oder Formel-Eins-Fahrer haben die Titel nicht gleich nach der dritten Runde gewonnen. Wenn Sie die Karriere von Nick Rosberg mitverfolgt haben, wissen Sie, dass er in einem Interview gesagt hat, dass es vom Entschluss, Weltmeister zu werden, bis zum tatsächlichen Erreichen dieses Zieles 25 Jahre gedauert hat. Die gute Nachricht: So lange werden Sie zum Erlernen einer Sprache nicht brauchen.

Unperfekt ist menschlich

Unperfektes ist menschlich und Sie möchten bestimmt kein wandelnder, allwissender und womöglich alles besserwissender Mensch ohne Ecken und Kanten und ohne Unsicherheiten sein. Solche Menschen sind mir persönlich sehr suspekt und wirken auf mich auch sehr unsympathisch. Lieber machen Sie den einen oder anderen Fehler und wirken sympathisch, authentisch und menschlich auf Ihre Mitmenschen. Was nützt Ihnen eine perfekte Sprachkenntnis, wenn niemand mit Ihnen sprechen möchte?

Behalten Sie die Kontrolle über Ihr Tun.

Lassen Sie es nicht zu, dass Perfektionismus Ihnen die Freude am Lernen verdirbt. Suchen Sie sich vielmehr gezielt angenehme Beschäftigungen mit der Sprache – nicht nur am Schreibtisch. Auch in der Küche, bei Stadtführungen, bei Unterhaltungen mit Freunden, bei Museums-, Kino- und Theaterbesuchen und nicht zuletzt im Restaurant oder in der Bar lässt es sich vortrefflich lernen. So beugen Sie übertriebenem Ehrgeiz vor und behalten sich den Spaß an der Sache. Genau deshalb haben Sie doch angefangen zu lernen, oder?

 

Was es Ihnen bringt, ohne Perfektionismus zu lernen

Dann werden Sie feststellen, dass Sie eins werden mit der Sprache und dass übertriebener Perfektionismus keinen Platz in Ihrem Leben hat. Sie merken, wie sich das Sprachenlernen für Sie lohnt, wenn Sie mit spanischen Freunden um die Häuser ziehen, den französischen Kinofilm verstehen oder ein Päckchen mit einem Brief und einigen Süßigkeiten von Ihrer englischen Sprachfreundin erhalten. So bereichern dann Sprachen auch Ihr Leben!

 

Bildnachweis: © Pixabay.com Pexels

About Christine Konstantinidis

Autorin, Sprachlehrerin und Coach. Christine unterstützt Menschen seit Jahren beim Sprachenlernen. Passion ist Passion! Genau diese Leidenschaft plus kreative Lerntechniken bringt Christine in die Lernberatung und in die Blogartikel ein!

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