Kinder zweisprachig erziehen – das ist ein hohes Ziel. Schließlich soll es der Nachwuchs einmal besser haben als man selbst, soll sich nicht in der Schulzeit durch englische Vokabeln und französische Grammatik quälen müssen, sondern mit Leichtigkeit mehrere Sprachen beherrschen. Nur: Wie bekommt man das hin? Wir geben Hilfestellung.

Ich freue mich, dass mich die Expertin Melanie Brigitte Weber bei diesem Artikel tatkräftig unterstützte. Melanie hat Japanologie und Amerikanistik studiert und als Sprachlehrerin in Japan mit Kindern gearbeitet. Darüber hinaus kennt sie das multinationale und multilinguale Familienleben auch aus privater Perspektive sehr gut.

Ihr Wunsch war es, den Kindern beide Kulturen und Sprachen näherzubringen, von klein auf. Melanie kennt sich also mit der Theorie und Praxis bestens aus und all ihre Erfahrungen der „mehrsprachigen Erziehung“ fließen in diesen Blogbeitrag ein. Let’s go.

Mehrsprachigkeit als naturgegeben annehmen

Seit wann glauben Menschen eigentlich, dass je Person nur eine einzige Sprache gesprochen wird? Schaut man ein wenig in die Geschichte Europas und Asiens, geht mit offenen Augen und Ohren durch mitteleuropäische Städte, durch amerikanische oder asiatische Städte, merkt man schnell: Die wenigsten Menschen haben nur eine Muttersprache. Warum?

Innerhalb der einzelnen Kontinente waren die Menschen schon immer viel unterwegs, lange Zeit lebten die Menschen ausschließlich nomadisch. Stämme und Familiengruppen zogen zwar umher, waren aber nicht komplett isoliert. Handelsbeziehungen zwischen verschiedenen Kulturen gibt es, solange es Menschen gibt. Insofern sollte es uns heutzutage doch eigentlich natürlich erscheinen, wenn Kinder mit mehr als einer Sprache aufwachsen, oder?

Eine genaue Definition zum Begriff Zweisprachigkeit und viele Informationen rundherum findest du übrigens hier.

Kleine Anmerkung am Rande: Dieser Blogpost ist mit „Kinder zweisprachig erziehen“ überschrieben – aber wer sagt, dass man sich auf zwei Sprachen beschränken muss? Was mit zwei Sprachen funktioniert, klappt auch mit drei Sprachen. Oder vier. Wenn die Voraussetzungen stimmen.

Warum mehrsprachige Erziehung?

Es gibt viele Gründe, in der Familie mehr als eine Sprache zu pflegen. Einer davon ist schlicht, weil man es kann. Oder vielleicht, weil es Spaß macht? Ich würde meinen, dass das die wichtigsten Gründe sind! Aber vielleicht geht es auch einfach nur darum, dass …

  • Kinder mehrere Nationalitäten haben und in ihrer multikulturellen Persönlichkeit von Anfang an gestärkt werden sollen.
  • eine Familie beruflich bedingt im „Ausland“ lebt und die Sprache der Heimat pflegen will.
  • Kinder von der Bildung der Eltern profitieren sollen und allein aus Bildungsgründen mehrsprachig aufwachsen.

Ganz egal, warum man sich für eine mehrsprachige Erziehung entscheidet: es wird nicht einfach. Daher sollte man sich von Anfang an bewusst sein, wie ernst es mit der Mehrsprachigkeit ist und wie die Prioritäten im Familienalltag gesetzt werden.

Kulturelle Gründe für die mehrsprachige Erziehung

Schürft man etwas tiefer, sehen die Gründe etwas anders aus. Natürlich spielen Identitäten und Machtverhältnisse eine Rolle, wenn es um mehrsprachiges Aufwachsen von Kindern geht. So ist es seit Generationen selbstverständlich, dass Familien aus dem arabischen Bereich die Sprache ihrer Heimat innerhalb der Familie beibehalten. Russische, polnische, kroatische Familien dagegen verbieten ihren Kindern bisweilen sogar, zu Hause in der „Muttersprache“ zu sprechen.

Warum ist das so? Es hat etwas damit zu tun, wie Menschen ihre Kultur und ihre Sprache verstehen, wie sie sie empfinden. In manchen Fällen wird die deutsche Kultur als höherwertiger und wichtiger empfunden als die eigene Kultur – die Kinder müssen Deutsch sprechen. In anderen Fällen wird den Kulturen etwa der gleiche Wert beigemessen. Dann gilt es als selbstverständlich, dass Kinder beide Sprachen lernen.

Die bewusste Entscheidung zur zweisprachigen Erziehung ist wichtig!

Das muss man sich bewusst machen, bevor man sich für einen mehrsprachigen Familienalltag entscheidet. Wird eine Kultur als schlechter erachtet, als minderwertig oder rückständig, übertragen sich diese Gefühle auch auf die Sprache. Kinder werden die Sprache in der Familie in diesem Fall vermutlich nicht akzeptieren. Sie können ein passives Sprachverständnis entwickeln, werden sich aber vermutlich immer sträuben, die Sprache auch aktiv zu sprechen oder sich gar alphabetisieren zu lassen.

Multilinguale Erziehung heißt, dass Kinder von Geburt an mit zwei oder mehr Sprachen konfrontiert werden. Sollen sie beide oder alle drei (vier?) Sprachen als ihre eigenen annehmen, geht das nur, wenn sie auch die entsprechende Wertschätzung erfahren. Und zwar gegenüber der Sprache und der damit verbundenen Kultur, nicht nur ihren Sprechbemühungen gegenüber.

MERKE: Wertschätze jede Sprache und jede Kultur gleichermaßen! (Und verhalte dich im Alltag entsprechend.)

4 Strategien, um Kinder zweisprachig zu erziehen

Wir stellen vier Strategien vor, wie du mehrsprachig durch den Familienalltag kommst. Tipp: Finde die Strategie, die am besten zu deiner Familiensituation passt.

Strategie 1:

Eine davon ist die OPOL-Strategie. OPOL steht für One Parent, One Language – ein Elternteil, eine Sprache. Das bedeutet: Im Familienalltag wird konsequent von der Mutter eine Sprache gesprochen, vom Vater eine andere. So lernen Kinder von Anfang an, die verschiedenen Sprachsysteme auseinanderzuhalten. Zumindest sagt die Sprachforschung das – de facto mischen Kinder immer Sprachen und werden immer verstehen, dass die Eltern auch andere Sprachen sprechen.

Strategie 2:

Eine weitere Strategie besteht darin, an einem bestimmten Ort immer eine bestimmte Sprache zu sprechen. Kinder bilingual zu erziehen, gelingt, wenn Sprachen nach Situationen unterschieden werden: Zu Hause und auf dem Spielplatz wird die Familiensprache gesprochen, beim Einkaufen und bei Freunden die Umgebungssprache. Auch das erfordert eine gewisse Konsequenz, wenn es wirklich bis zum letzten Ende durchgezogen werden soll.

Strategie 3:

Auch die Strategie, zu Hause nur die Minderheitensprache zu sprechen, lässt sich im Alltag nicht so einfach durchsetzen. Es macht natürlich Sinn, denn Kinder lernen eine Sprache durch häufiges Hören und häufige Anwendung. Wenn also das gesamte Umfeld Deutsch spricht, das Kind einen deutschsprachigen Kindergarten besucht, die Mutter aber gerne ihren italienischen Hintergrund weitergeben will, hilft allein die zu Hause verbrachte Zeit, um für die nötige Übung zu sorgen.

Strategie 4:

Die vierte Strategie, von der man häufiger hört, ist eigentlich gar keine Strategie. Sie besteht schlicht darin, dass jeder die Sprachen so verwendet, wie es ihm oder ihr gerade in den Sinn kommt. Das sorgt für einen authentischen Familienalltag, der sehr entspannt ausfallen dürfte – und auch da lernen Kinder erstaunlicherweise, die verschiedenen Sprachsysteme auseinanderzuhalten.

MERKE: Finde die Strategie, die am besten zu dir und deiner Familiensituation passt!

Du möchtest noch ein wenig tiefer gehen, dann kannst du die verschiedenen Ansätze und Strategien hier noch einmal nachlesen.

Authentische Eltern kommen immer gut an

Wenn ich an Szenarien aus unserem Familienalltag denke, so Melanie, ist die vierte Strategie das, was für uns funktioniert. Natürlich hatten wir uns darauf geeinigt, dass Mama nur ihre Muttersprache spricht und Papa nur seine Muttersprache. Und:

  • dass wir uns nur mit Englisch behelfen, wenn die Kinder nicht zuhören.
  • dass wir die jeweilige Sprache des Partners nur dann gemeinsam üben und miteinander sprechen, wenn die Kinder abends schon schlafen.

Denn die sollten, so der Traum, beide Sprachen gleich stark und vor allem akzentfrei lernen. Soweit die Theorie. Und solche Konzepte funktionieren irgendwie immer nur in der Theorie. Denn, und das ist kein Witz, sondern deutsches Familienleben. Denn dann:

  • kam der Versicherungsvertreter und wollte mit uns beiden Erwachsenen gemeinsam sprechen. Auf Deutsch.
  • kamen Freunde aus Venezuela zu Besuch und wollten eine Sprache sprechen, die wir Erwachsenen alle verstehen. Also nicht die Mama-Sprache und nicht die Papa-Sprache. Wir einigten uns auf Spanisch. Teils gebrochen, aber Spanisch. Definitiv.
  • kam ein französischer Arbeitskollege vorbei und sprach seine Muttersprache. Die Mama und Papa gleichermaßen beherrschen.
  • waren die Großeltern väterlicherseits zu Besuch. Oma wollte mit Mama kochen. Mama musste Papa-Sprache sprechen. (Anyways, das Essen war lecker!)

Die Kinder verstanden: Die meisten Erwachsenen sprechen mindestens drei Sprachen. Nicht alle gleich gut, aber sie können sich unterhalten. Irgendwie cool. Und die Kinder mischten fröhlich mit. Mehrere Jahre im Ausland überstanden sie so genauso mehrsprachig, konnten selbständig einkaufen gehen, Betreuungsangebote wahrnehmen, Sportvereinen beitreten.

Realitätscheck – Kinder zweisprachig erziehen in der Praxis

In den meisten Familien dürfte es schwierig sein, eine OPOL-Strategie oder die Ein-Ort-eine-Sprache-Strategie konsequent durchzusetzen. Um Kinder zweisprachig zu erziehen, sind deshalb auch die wichtigsten Komponenten viel Liebe, ein offenes Ohr und Geduld.

Häufig ist eine Sprache stärker als die andere. Aber das kann sich im Laufe des Lebens mehrmals ändern. Nicht immer bleibt die anfangs schwache Sprache schwach. Kinder sprechen auch ganz selbstverständlich am Anfang so, wie es ihnen in den Sinn kommt. Egal, wie konsequent Strategien befolgt werden: Kinder mischen die Sprachen. Das ist ein natürlicher Schritt in der kindlichen Sprachentwicklung.

MERKE: Bleibe du selbst. In jeder Sprache, bei deinen Kindern, mit deinem Partner oder deiner Partnerin. Authentisch rules!

Wenn du gerne mehr zu den wissenschaftlichen Hintergründen erfahren willst, findest du hier verschiedene Studien. Weitere Erkenntnisse zu mehrsprachigen Kindern und Code-Switching (Mischen von Sprachen) und vor allem etwaigen Mythen kannst du auf Babbels Blog nachlesen.

Zweisprachige Erziehung – Verzögerung in der Entwicklung oder Vorteil?

Beides. Im Sprachverständnis sind Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, etwa genauso schnell wie einsprachige Kinder. Der aktive Sprachgebrauch ist aber etwas zeitverzögert. Dafür fangen sie meist in allen Sprachen gleichzeitig oder kurz nacheinander an zu sprechen. Die Verzögerungen sind schnell wieder aufgeholt, meist schon im Grundschulalter. Kinder entwickeln sich individuell, und das auch bei der Sprache.

Kinder zweisprachig zu erziehen, das geht für die Kinder allerdings mit mehreren Vorteilen einher. Wir wissen aus der Neurobiologie, dass die Gehirnzellen mehrsprachiger Personen anders vernetzt sind. Die Netze sind dichter, komplexer. Die Gedächtnisleistung ist höher. Bei mehrsprachigen Kindern ist das mathematische Verständnis oft etwas schneller und weiter entwickelt, sie haben ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen und oft auch ein anderes Gefühl für den eigenen Körper. Es wäre zu viel versprochen, hier von einer schnelleren motorischen Entwicklung zu sprechen – die Körperkoordination läuft anders, teils diffiziler ab.

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Interessant ist ebenfalls, dass sich das Sprachzentrum bei multilingualen Kindern anders ausbildet. So konnten Forschungen zeigen, dass einsprachig aufgewachsene Kinder für jede weitere Sprache, die sie im Laufe ihres Lebens lernen, ein neues Sprachzentrum aufbauen (müssen). Bei mehrsprachigen Kindern ist dies anders. Sie speichern alle, auch die neu zu erlernende Sprache, in einem Sprachzentrum ab. (Mehr zu dem Thema Sprachzentrum findest du auch in unserem SpeicherHACK!)

Fazit: 3 Regeln, um Kinder entspannt zweisprachig zu erziehen

Kinder zweisprachig zu erziehen, ist kein Hexenwerk. Es gibt einige Tipps, Tricks und Kniffe, wie man Kinder am besten durch die verschiedenen Sprachen manövriert. Das Wichtigste: Sei authentisch. Sei immer du selbst. In jeder Sprache.

Kinder lieben übrigens Medien: Bücher, CDs, Kinderlieder mit Noten, Filme, Computerspiele. Die dürfen von mehrsprachigen Kindern gerne in verschiedenen Sprachen genutzt werden. Besonders bei der Alphabetisierung wird das dann wichtig. Denn nicht jede Sprache funktioniert (wie Deutsch) so wunderbar einfach phonetisch und eins zu eins zwischen Buchstabe und Laut.

In diesem Zusammenhang sind Sprachlernapps immer gerne gesehen. Wenn du noch einen Tipp für ein Sprachprogramm für deine Kinder suchst, dann schau dir Mondly Kids an. Dies ist aus unserer Sicht die beste Sprachlern-App für Kinder. Der große Vorteil: Es gibt auch eine Erwachsenenversion (Zum Testbericht  |  Mondly kaufen). Wer diese erwirbt, bekommt die Kids-Version kostenlos. Und so kannst du nebenbei auch noch die Sprache deines Partners lernen. Tip top!

Hier noch einmal die 3 Regeln in aller Kürze:

  1. Wertschätze jede Sprache und jede Kultur gleichermaßen! (Und verhalte dich im Alltag entsprechend.)
  2. Finde die Strategie, die am besten zu dir und deiner Familiensituation passt!
  3. Bleibe du selbst. In jeder Sprache, bei deinen Kindern, mit deinem Partner oder deiner Partnerin. Authentisch rules!

Und dann klappt es auch mit der Mehrsprachigkeit der Kinder! Wir drücken die Daumen!

 

Bildnachweis: © unsplash.com/@ashtonbingham

Christian Roth

About Christian Roth

Christian ist Gründer von talkREAL.org und YouDuApp.com. Er liebt es, mittels Technologie das Lernen zu vereinfachen. Auf talkREAL gibt Christian darüber hinaus Tipps, wie man seinen eigenen Lerntyp beim Lernen optimal berücksichtigt.

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