Stellen Sie sich folgende Situation vor: Herr Müller und Frau Schmidt machen gemeinsam einen Französischkurs bei demselben Sprachlehrer. Beide haben schon einmal Französisch in der Schule gelernt, dann jahrelang ausgesetzt. In den kommenden Jahren möchten allerdings die beiden befreundeten Familien verstärkt Urlaub in Frankreich machen und so haben Herr Müller und Frau Schmidt beschlossen, gemeinsam einen Sprachkurs zu besuchen. Nach einigen Stunden ist Frau Schmidt immer noch begeistert dabei, Herr Müller dagegen überlegt schon, den Kurs abzubrechen, weil er mit dem Sprachlehrer und dessen Unterricht nicht wirklich zurechtkommt. Frau Schmidt hingegen findet den Sprachlehrer ganz toll und kann die Kritikpunkte von Herrn Müller überhaupt nicht nachvollziehen.

Daher stellt sich jetzt für uns die Frage, was denn den perfekten Sprachlehrer ausmacht. Muss der Sprachlehrer Muttersprachler sein oder nicht? Sollte der Sprachlehrer jung, frisch und unverbraucht sein oder jemand, der auf jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen kann? Sollte der Sprachlehrer mit einem Lehrbuch nach einem festen Konzept unterrichten oder flexibel auf die Wünsche seiner Schüler oder Kursteilnehmer eingehen? Sollte der perfekte Sprachlehrer viele Hausaufgaben aufgeben oder eher wenige, denn Sie als Lerner sind ja in Ihrem täglichen Leben sowieso schon sehr beschäftigt?

In diesem Beitrag möchten wir heute auf diese Fragen eingehen und Ihnen den ultimativen Tipp geben, an dem Sie sehr leicht erkennen können, ob Sie den perfekten Sprachlehrer gefunden haben. Lassen Sie sich überraschen.

Muttersprachler oder nicht?

Die Sprachlehrer von Herrn Müller und Frau Schmidt ist ein Deutscher. Daher findet Herr Müller, dass dieser ihm nicht das Gefühl vermittelt, authentisch zu lernen. Frau Schmidt hingegen meint, dass der Französischlehrer die Lerninhalte verständlich und schülergerecht vermitteln kann, weil er den direkten Vergleich zwischen den beiden Sprachen für seine Unterrichtsvermittlung heranziehen kann. Muttersprachler haben zwar einen Vorteil, was die Beherrschung von Vokabeln betrifft (das Vokabular von Muttersprachlern ist schier unerschöpflich), aber darauf kommt es in einem normalen Sprachkurs überhaupt nicht an. Der Lerner braucht nicht das extrem hohe Sprachniveau eines Muttersprachlers mit 20 Synonymen für das Wort „aufräumen“ oder „Haus“, sondern vielmehr verständliche Erklärungen, eine passende Ausdrucksfähigkeit für das untere und mittlere Sprachniveau und Verständnis für Ihre Probleme als Lerner. Da der deutsche Französischlehrer Französisch ebenfalls als Fremdsprache gelernt hat, kann er sich in den Lerner besser hineinversetzen und findet leichter das richtige Sprachniveau für den jeweiligen Kurs. Ein Muttersprachler neigt häufig dazu, seine Schüler zu überschätzen, zu schnell zu sprechen und Grammatikstrukturen zu verwenden, die diese noch nicht beherrschen.

Grundsätzlich halten wir es für eine gute Idee, für das untere und mittlere Sprachniveau einen Sprachlehrer zu wählen, der die Muttersprache des Lerners spricht, und für ein sehr hohes Sprachniveau einen Sprachlehrer zu buchen, der Muttersprachler in der Lernsprache ist.

Eine kleine Anmerkung am Rande: Nur weil jemand die Sprache perfekt beherrscht, also Muttersprachler ist, heißt das noch lange nicht, dass derjenige gut unterrichten kann.

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Junger oder älterer Sprachlehrer?

Der Französischlehrer von Herrn Müller und Frau Schmidt ist noch relativ jung, noch nicht einmal 30 Jahre alt. Frau Schmidt schätzt es sehr, dass dieser junge Sprachlehrer sehr viel mit den neuen Medien wie Facebook, YouTube-Videos, Internetmaterialien und Smartphone-Apps arbeitet. Sie findet, dass dadurch das Lernen viel interessanter gestaltet wird als in einem normalen Sprachkurs. Herr Müller dagegen ist zehn Jahre älter als Frau Schmidt, hatte in seinem Berufsleben noch nie viel mit Computern zu tun und hat daher ein bisschen Berührungsängste. Wenn der Französischlehrer also von Smartphone-Apps oder YouTube-Videos spricht, überkommt ihn manchmal eine leichte Panik und er hat Angst, diesen neuen Entwicklungen nicht mehr folgen zu können. Für Herr Müller wäre also ein älterer Sprachlehrer, der eine klassische Methode bevorzugt, die bessere Wahl – es sei denn, Frau Schmidt, der Französischlehrer oder ein Mitglied aus Herrn Müllers Familie nimmt sich die Zeit, Herrn Müller diese Medien ein bisschen näher zu erklären. Dann würde auch Herr Müller feststellen, dass der Umgang mit diesen neuen Medien einfach ist, Spaß machen kann und das Lernen sehr bereichert.

Auch hier gibt es also keine klare Aussage, ob ein junger oder ein älterer Sprachlehrer zu bevorzugen ist.

 

Lehrbuch oder nicht?

Hier gibt es kein gut oder schlecht. Der Französischlehrer von Herrn Müller und Frau Schmidt unterrichtet ohne Lehrbuch, er bringt also in jeder Stunde Material mit, das er selbst zusammengestellt hat. Dieses Material orientiert sich an den Wünschen seiner Teilnehmer, ist sehr abwechslungsreich und authentisch, da der Französischlehrer dieses Material aus sämtlichen Medien, die ihm zur Verfügung stehen, zusammenträgt. Darunter befinden sich zum Beispiel Blogartikel, Buchkapitel, YouTube-Videos, selbst geschriebene Dialoge, Grammatikerklärungen in Französisch oder in der Muttersprache der Lerner (je nach Schwierigkeitsgrad), ab und zu ein Kreuzworträtsel und immer wieder schriftliche Übungen aller Art für den Unterricht und für Zuhause. Frau Schmidt findet diese Materialsammlungen großartig, spiegeln sie doch das heutige Frankreich mit den landeskundlichen und kulturellen Facetten wider. Herrn Müller fehlt allerdings die Lernstruktur, er vermisst die genaue Anleitung durch einen Sprachlehrer, wie er mit dem Material umgehen soll, außerdem erhält er keine detaillierten Vokabellisten. Jeder zweite Satz von Herrn Müller fängt an mit den Worten: „Aber in der Schule haben wir das ganz anders gemacht.“ Ihm fällt es schwer, sich auf Neues einzulassen, und daher hat er an dieser Art von Kurs nicht so viel Spaß wie Frau Schmidt.

Ob ein Lehrbuch gewünscht wird oder nicht, hängt also von der Persönlichkeit des Lerners ab. Wenn Sie jemand sind, der sehr strukturiert lernt und jede Etappe des Lernens dokumentiert haben möchte, sind Sie auf jeden Fall mit einem Kurs, in dem ein Lehrbuch verwendet wird, gut bedient. Wenn Sie allerdings Wert auf authentische Sprache, auf landeskundliche Informationen, auf Aktualität und auf flexibles Reagieren auf Ihre Wünsche legen, dann sollten Sie einen Kurs bevorzugen, der ohne Lehrbuch arbeitet. Dann können Sie nämlich sicher sein, dass Sie perfekt für Ihren Zweck aufbereitetes Material von Ihrem Sprachlehrer erhalten, und zwar genau dann, wenn sie sie brauchen.

 

Hausaufgaben oder nicht?

Herr Müller in seinem Beruf sehr eingespannt. Daher kann er sich während der Woche kaum mit Französisch beschäftigen und häufig passiert es, dass er die Tasche am Dienstagabend in die Ecke gestellt hat und genauso am Dienstag wieder herausnimmt, um in den Kurs zu gehen. Er beteuert immer wieder, dass er ja eigentlich viel mehr lernen würde, aber er habe ja keine Zeit. Ob diese Vorgehensweise sinnvoll ist oder nicht, sei dahingestellt. Frau Schmidt dagegen beschäftigt sich mehrmals in der Woche mit ihren Lerninhalten und ist so gut wie nie ohne Hausaufgaben im Kurs anzutreffen. Sie findet es gut, dass sie vom Sprachlehrer für Zuhause einige Aufgaben bekommt, denn so steigt ihre Motivation, sich auch während der Woche mit der Sprache zu beschäftigen. Ein guter Sprachlehrer wird sich also nach der Mehrheit seiner Kursteilnehmer richten. Er wird Hausaufgaben aufgeben, diese aber nicht verpflichtend für den Kursbesuch machen. Wer Hausaufgaben gemacht hat, wird in den Kursstunden kräftig gelobt, wer nicht, wird einfach in diesem Zeitabschnitt nicht weiter beachtet. Das ist jedermanns persönliche Entscheidung. Allerdings darf sich dann auch niemand beschweren, wenn sich der Lernerfolg etwas langsamer einstellt. Um eine Sprache zu lernen, muss man sich mit ihr beschäftigen. Skifahren lernen Sie ja auch nicht vor dem Fernseher, oder?

 

Fazit

Sie sehen schon, den perfekten Sprachlehrer gibt es nicht. Für den einen Lerner ist der Muttersprachler besser, für den anderen der Sprachlehrer, der die Muttersprache des Lerners spricht. Ein Lerner möchte viele Hausaufgaben haben, der andere Lerner möchte wenig Zusatzarbeiten für Zuhause. Manche Lerner bevorzugen einen strukturierten Unterricht nach Plan mit einem Lehrbuch, andere Lerner möchten flexibel reagieren und bevorzugen authentisches Material. Für manche Lerner ist die Integration der neuen Medien sehr wichtig, für andere nicht. Es gibt Lerner, die auf die Erfahrung von älteren Lehrkräften bauen, andere Lerner möchten lieber junge, frische und motivierte Lehrkräfte frisch von der Universität.

Allerdings gibt es schon einige Eigenschaften, die ein guter Sprachlehrer mitbringen sollte – unabhängig von der Sprache, des Alters, der Unterrichtsstruktur oder des Medieneinsatzes.

 

Was ist ein guter Sprachlehrer?

Ansprechende Gestaltung des Unterrichts

Ein guter Sprachlehrer ist jemand, der so arbeitet, dass der Unterricht nicht nur für die Schüler ansprechend gestaltet wird, sondern auch für den Lehrer. Dann nämlich macht der Unterricht auch dem Sprachlehrer Spaß und diese Begeisterung überträgt sich auf die Schüler.

Praxisorientierter Unterricht

Ein guter Sprachlehrer unterrichtet unserer Meinung nach praxisorientiert und nimmt sich, selbst wenn er nach einem Lehrbuch vorgeht, die Freiheit heraus, langweilige Lerninhalte auszulassen. In meinen italienischen Sprachkursen beispielsweise haben wir in den letzten Monaten über verschiedene Themen diskutiert, unter anderem über die lebenswerteste Stadt Italiens, die Pläne zur Erhaltung der italienischen Kulturlandschaft, das Konzept von Eataly  und vieles mehr. Wir haben uns eine Arie von Puccini angehört (sie wurde von Jonas Kaufmann vorgetragen und die Damen im Kurs sind nur so dahingeschmolzen!) und haben virtuell auf einen italienischen Hotelportal Hotelzimmer gebucht. Außerdem ging es um das Kinoprogramm von Mailand und darum, was Spanier, Franzosen, Engländer und Deutsche am häufigsten in Google über Italien und die Italiener suchen. Das sind Aktivitäten, die Kursteilnehmern sehr gut gefallen – und nicht nur das: Sie sind auch sehr nützlich für das wirkliche Leben.

Verständliche Sprache

Meiner Meinung nach spricht ein guter Sprachlehrer in einer verständlichen Sprache. Besonders bei der Vermittlung von Grammatik neigen viele Lehrer dazu, ein Vokabular zu verwenden, das die Teilnehmer nicht verstehen. Nicht jeder weiß, was ein Indefinitpronomen, ein Demonstrativbegleiter oder ein Modalverb ist. Ein guter Sprachlehrer verwendet schon ab und an diese Begriffe, lässt aber sofort die Erklärung folgen und liefert im Idealfall auch einige Beispiele dazu.

Genaue Beobachungsgabe (und hellseherische Fähigkeiten)

Homogene Lerngruppen sind extrem selten. Daher ist es eine herausragende Eigenschaft des Sprachlehrers, die Gruppe ganz genau zu beobachten und zu entscheiden, ob die Lerner den jeweiligen Lernschritt wirklich verstanden haben oder nicht. Hellseherische Fähigkeiten sind hier von großem Vorteil.

Engagement

Ein guter Sprachlehrer engagiert sich über die Unterrichtszeit hinaus für seine Teilnehmer. Da in Kursen der Erwachsenenbildung meistens keine Anwesenheitspflicht herrscht, fehlen einige Teilnehmer häufig aus beruflichen oder privaten Gründen. Ein engagierter Lehrer wird Ihnen dann als Teilnehmer den „besonderen Service“ bieten und per Mail das fehlende Material nachliefern bzw. über das Unterrichtsthema informieren.

Authentizität

Ein guter Lehrer ist authentisch und bringt seinen Teilnehmern die Liebe zur Sprache, zur Kultur und zum Land näher. Und dazu gibt es unseren besonderen Tipp:

Der besondere Tipp: So finden Sie ganz einfach heraus, ob Sie einen guten Sprachlehrer erwischt haben: Stellen Sie Ihrem Sprachlehrer eine Frage zum Land ihrer Lernsprache. Schauen Sie ihn sich genau an, wenn er Ihnen antwortet. Sehen Sie ein Leuchten in seinen Augen? Antwortet er Ihnen ganz begeistert? Falls ja, haben Sie den perfekten Sprachlehrer für sich gefunden. Dann macht ihm nämlich das Unterrichten Spaß und Sie als Teilnehmer haben einen Lehrer, dem man die Begeisterung für seinen Beruf schon an seinen glänzenden Augen ansieht.

Und genau das wünschen wir Ihnen!

 

Bildnachweis: © Flickr.com – Sebastiaan ter Burg

About Christine Konstantinidis

Autorin, Sprachlehrerin und Coach. Christine unterstützt Menschen seit Jahren beim Sprachenlernen. Passion ist Passion! Genau diese Leidenschaft plus kreative Lerntechniken bringt Christine in die Lernberatung und in die Blogartikel ein!

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